Tacke der Samtene (Auszug aus dem Prolog)

Ştefan Agopian | March 01, 2009
Translated by: Peter Rösch

 

„...wenn er schläft, wird’s besser mit ihm“[1] (ein Prolog)

 

Sollte jemand diese Worte lesen, Worte, die sich eigentlich auf Lazarus beziehen, aber genau so gut auch für mich gelten könnten, bin ich bereits tot. Tot und begraben und vergessen seit geraumer Zeit, seit damals, als eines gleichgültigen Tages des Sommers 1848 Mamona der Jüngere mich ermorden wird. Und jetzt tue ich nichts weiter, als von Erde überhäuft dazuliegen und, während ich langsam und ewig verrotte, nachzudenken und zu reden und zu wissen, dass diese meine Gedanken und meine Worte einem anderen angehören, jenem, den wir, natürlich nur mit Ihrem Einverständnis, da wir ihn, wie Sie sicherlich zustimmen werden, ja irgendwie nennen müssen, Autor nennen werden. Ich könnte ihn auch anders nennen, da allerdings kein Name eine besondere Ehre in sich birgt oder einen großen Unterschied machen würde, wird so meine Bezeichnung für ihn lauten. Dieser von mir so genannte Autor hat sich mein Leben ausgedacht, er hat die Lust und Ausdauer besessen, sich auszudenken, wie so ein Leben, irgendeines, aussehen könnte, und durch meinen Lockruf, dadurch, dass ich ihm die Fakten auf dem silbernen Tablett servierte, hab ich ihn dann auf mich gelenkt, dies gelang mir, einem seit über hundert Jahren Verstorbenen, in einer riesigen traurigen Falle konnt ich ihn fangen, denn was ist mein Leben mehr als eine Falle, in der man sich eine Zeit lang frei fühlen kann und glücklich und stolz, dass man angefangen hat, sie zu durchmessen.

Sie werden lachen, aber eigentlich bin ich der Autor, ich, Tacke Vlădescu, geboren im Jahre 1800 und nach achtundvierzig Jahren verstorben, ermordet, direkt nach der Revolution, von Mamona dem Jüngeren. Und jetzt tue ich nichts weiter als von Erde überhäuft dazuliegen, voller Hohn wie alle Toten, und während meine Gebeine verbleichen, zu warten bis sie so stark verblichen sind, dass sie den natürlichen gelblichen Glanz aller für immer Toten angenommen haben. Und mich bei allem Warten zu freuen, dass eines Tages, weiß Gott aus welcher Ecke hervorgekrochen, aus welchem Galiläa, irgendjemand namens Autor versuchen wird, aus meinen fleischlosen Gebeinen einen lebenden und sprechenden und schweigenden Menschen zu schaffen. Er ist über mir, schwebt durch den Nebel meiner Erinnerungen wie ein emsiger Vogel auf Erkundung. Er weiß nicht, dass mir dies alles gleichgültig ist, und dass ich, falls ich anders wirken sollte, mich nur aufgrund der Langeweile verstelle, die mich von Zeit zu Zeit ergreift. Ich könnte nur über ihn lachen und, nachdem ich ihn stehen hab lassen, zum Warten zurückkehren, das nicht enden wird, zur Trägheit und Langeweile dieses Wartens, mit dem ich gleichgültig und ohne irgendeinen bestimmten Gedanken die Zeit verbringe. Dennoch, ich mach es nicht, selbst wenn die Macht dazu in meinen Händen liegt und in seinen nur Schwäche. Denn so wie ich tot bin und er lebend, ich Figur und er Autor, könnte das alles auch umgekehrt sein. Das kann ich glauben, dass das so ist, um so mehr da niemand mich davon abhält, das zu glauben. Also:

Ich bin Anfang des Jahrhunderts geboren worden und wie alle Menschen, die neugeboren werden, hab ich mich darüber gefreut, allerdings nicht so sehr wie es sich vielleicht gehört hätte. Denn ich bin unter einem elenden Stern geboren worden und in einem noch viel elenderen Jahrhundert. [...]

 

Tacke der Samtene ist jetzt tot und die Worte „...wenn er schläft, wird’s besser mit ihm sind eine Lüge, eine Lüge, die jedoch jemand anders zu einer anderen Zeit ausgesprochen hat, mir kam es lediglich entgegen, dass sie existiert und dass ich sie nicht wieder und wieder neu erfinden muss. Und während er tot ist und da weilt, wo wir, wie der Zwerg einmal gesagt hat, ungestört und ewig in idiotischer Anstrengung weilen, ist Tacke der Samtene, der Tote und Vergessene, indem er sein Blickwinkel aus der Leere einer unaufhörlichen Zukunft aufgegeben hat, Figur geworden, während ich, genau meinen Ambitionen entsprechend, Autor geworden bin. Er hat mir diesen spöttischen Namen gegeben, da er besser als ich weiß, dass die Mühe, ein paar Ereignisse an einem Ort zu versammeln, dass diese Ambition kaum einen Sinn ergibt. Denn nichts berechtigt jemanden dazu, über das eine mehr zu sagen als über das andere. Und dennoch wage ich zu behaupten, dass Reden wichtiger sein kann als Schweigen, ich, der ich verhöhnend als Autor bezeichnet wurde, glaube das, wenn ich mich jetzt daran mache, so als würde ich auf einem Spiegel etwas einzeichnen, Taten und Ereignisse aneinander zu reihen. Vielleicht ist es aber auch so, dass, vom Spiegel aus, jemand wie ein erbarmungsloser Gott uns Ambitionierte zeichnet. Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, wer wirklich Figur ist und wer Autor und ob all das, was jetzt folgt, wahr oder erfunden ist. [...]



[1] Bibel Johannes 11,12. Revidierte Lutherübersetzung, Stuttgart 1999. („Die Auferweckung des Lazarus“; Anmerkung des Übersetzers)

 

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This July, The Observer Translation Project leaves its usual format to present a special CRISIS ISSUE. Things are tough all over. Hard Times suddenly feels like the book of the moment. The global economic crisis impacts life as we know it, and viewed from Bucharest the effects reverberate in domains that include geo-politics and publishing in Romania and abroad, with the crisis at The Observer Translation Project as an instance of a universal phenomenon. read more...

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