Maestro

Stelian Tănase | June 10, 2009
Translated by: Georg Aescht

 

Maestro
Roman
 
Der Schriftsteller Stelian Tanase, geboren 1952 in Bukarest, ein Protagonist der Dissidenz gegen Ceausescu, ist seit der Wende von 1989/90 Hochschullehrer für Politikwissenschaften an der Universität Bukarest und zugleich einer der bedeutendsten Medienmacher Rumäniens mit einer publizistischen und TV-Präsenz ohnegleichen. Zahlreiche Publikationen, darunter etliche informationsgesättigte Bücher, weisen ihn als einen der bedeutendsten akademischen Zeithistoriker der Zwischen- und Nachkriegszeit aus, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Rumänien in ihrer balkanischen und europäischen Dimension erfaßt und formuliert hat.
Dabei ist Stelian Tanase jenseits des aufklärerischen „Tagesgeschäfts“ ein Erzähler, der in seinen Romanen mit landestypischer Üppigkeit und Authentizität nachvollzieht, woran dieses Land und seine Kultur krankt: Geschichte löst sich in Geschichten auf und wird trübe. Seine Geschichten weisen in die andere Richtung, sie machen Geschichte schmerzlich transparent.
 
Der Roman „Maestro“ quillt über von Geschichten, von übermütiger Sprache, es ist ein Buch, in dem Sprache zum Ereignis wird, durch das der Mensch sich dem Mahlwerk der Ereignisse entzieht. Hier redet eine, die alles weiß, vor allem aber, daß man nicht weiß, wie es gekommen ist und wie es kommt.
Es spricht Emilia, Emiluta, die Freundin, „Seelenschwester“ der Hauptgestalt Tina Marcu. Diese Tina ist der Ausbund der postsozialistisch entfesselten Medienlandschaft, ein Kind von Traurigkeit inmitten einer wildgewordenen Fakten- und Meinungshuberei, hysterisch und „cool“, souverän und verletzlich. Ihr fulminantes Debüt ist ein gewagter Bericht über den Abriß einer Lenin-Statue in Bukarest gewesen. Emilia erzählt aus der Sicht einer lebensklugen Behinderten vom vermeintlichen Aufstieg und vermeintlichen Fall eines Medienstars in einem postkommunistischen TV-Wildost, wo zwei Gewalten regieren: Einschaltquote und Seilschaften.
Tina schlägt über die Stränge, gespannt von den neuen Bossen, die die gewendeten alten sind, als sie in ihrer Talkshow einen Minister zum Rücktritt auffordert. Der Mechanik, die daraufhin zu mahlen beginnt, ist sie nicht gewachsen und wird dazu verdonnert, einen hochgerühmten rumänischen Exilanten, Duca, in Paris zu interviewen. Gegen ihren Willen, denn Bukarest wird gerade von Horden von Bergarbeitern heingesucht. Sie fügt sich, macht das Interview gegen den eigenen und gegen den Willen dieses Exilanten Duca, kehrt aber alsbald zurück nach Bukarest, getrieben von dem Wunsch, im Mittelpunkt des Geschehens zu sein und es medial zu vermitteln.
Im aufgewühlten Rumänien, in ihrem ureigenen Element Bukarest, wird sie von Bergarbeitern krankenhausreif geschlagen. Im Krankenhaus ruft Duca sie an. Sie flieht vom Krankenbett und vertieft sich im folgenden in Nachforschungen zu Duca, zur Geschichte der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit.
Aus dem Interview mit Duca macht sie einen Film, der allerdings vom Sender nicht angenommen wird. Nachdem sie den Film abgegeben hat, fährt sie nach Paris zu Duca, dem Elite-Emigranten, den sie als ihren Vater identifiziert hat, und stellt ihn zur Rede, weil er die Familie verlassen hat. Dieser vergräbt sich in seinen Nihilismus.
Ihr Ex-Lover und TV-Chef Dudus feuert sie – da begeht Duca Selbstmord. Als Nationalheld wird er nach Bukarest geholt, seine Funeralien werden in extenso begangen, Tina weigert sich, fürs Fernsehen zu berichten. Leid und verstehendes Unverständnis, Tina entzieht sich der nationalen „Feier“, entzieht sich überhaupt der Medienmaschinerie.
Der intime und zugleich fremde Blick ihrer Freundin auf die spektakulären Peripetien in einer östlichen Welt, in der westliche Medienhysterie um so wilder wuchert, offenbart, was die elektrisierende elektronische Öffentlichkeit in einer bis vor kurzem totalitär gelähmten und jetzt in die Freiheit der Unverantwortlichkeit entlassenen Gesellschaft anrichtet: Der Mensch und die Wahrheit gehen vor die Hunde, es kostet fast ein Leben, das alles zu überleben.
Der Roman von Stelian Tanase ist ein wirbelnder Totentanz, aus dem die beiden Frauen, die Erzählerin und ihre Heldin, schließlich ausscheren. In dem Wirbel scheint das Bild eines Landes auf, das die Pein des Kommunismus schwer versehrt überstanden hat, um jetzt einer anderen, der „Freiheit“ gegenüberzustehen. Die Erbschaft des Kommunismus ist virulent, sie zu erzählen ist das einzige Mittel, ihr zu entgehen. Stelian Tanase versucht es mit epischer Vehemenz, und die Unmittelbarkeit, mit der seine Erzählerin die Schicksale der beiden Frauen ins Bild rückt, hat die Qualität einer Katharsis. Die Läuterung allerdings bleibt offen.
 
 
 
Ich habe mich wieder im Traum gesehen, letztes Mal war ich in Monte Carlo im Kasino gewesen. Jetzt war ich auf einem Eislaufplatz im hohen Norden, einem gefrorenen See, ganz mit Gold bestäubt. Paarlaufen, mein blonder Partner hatte einen nach innen gewölbten Bauch, als würde er nur essen, wenn der Erste des Monats ein Freitag ist. Er sah meinem Neluţu schon sehr ähnlich. Gekräuselter Backenbart, Brillantine im Haar. Große aschgraue Augen, stechender Blick. Ich war verrückt nach ihm. Mit seinen muskulösen Armen preßte er mich beim Tanz fest an sich. Er bog mich, knetete mich wie einen Teig, drehte sich mit mir, ich war ganz schwindlig. Er hatte tolle Tanzschritte drauf, ich fürchtete zu stürzen und mich lächerlich zu machen. Plötzlich warf er mich so hoch, daß ich dachte, ich müßte sterben, weil ich keine Luft mehr bekam. Die vollbesetzten Tribünen aus der Vogelperspektive. Von einer Wolke aus lieferte die Kamera Bilder von pelzbewehrten Schultern, Frisuren, Hüten, Schals. Ich flog in Zeitlupe, Pirouetten drehend. Wenn er mich nicht auffängt! durchfuhr es mich. Rumba, dreifache Drehung, Hurrarufe brandeten auf. Ich landete in seinen Armen. Elegant, halbtot vor Angst, glücklich wie nie zuvor. Ich trug ein rosa Kleid mit Straß und Pfauenfedern, meine Haare waren rotgefärbt. Jugendlich schlank, wie ich war, zog ich alle Blicke auf mich. Hirsche und Eichhörnchen kamen ganz nahe heran, ein Traum. Die Bären am Ufer blinzelten träge. Das Publikum kümmerte sich nicht um sie, es applaudierte, warf mir Kußhände und Blumensträuße zu. Die Typen in der Jury, aufgereiht im Lampenlicht, lauter verkniffene welke Gesichter. Der Tanz war zu Ende, wir erstarrten in Pose auf dem Eis, doing. Ich hing an seinem Hals wie eine verliebte Frau. Hättest du uns bloß sehen können! Wir waren wie in Judex, eitel Sex&Anmut! Er umfaßte meine Taille, ich erschauerte und wurde auch schon feucht. Während ich ihn anhimmelte und die Leute anlächelte, hatte ich kurz einen Orgasmus. Ich spürte ihn ganz stark im Schlaf. Vor den Schranken des Präsidiums, das die Noten vergibt. Allgemeines Raunen, Musik aus den Lautsprechern, Spannung. Wir warten auf die Täfelchen mit den Punkten. Mein Partner zieht die Schlittschuhe aus, der Trainer kommt an die Bande, um uns zu beglückwünschen. Mich lähmt die Angst, das Lächeln könnte aus meinem Gesichtchen verschwinden. Ich pinne es mit Stecknadeln an den Wangen fest. Ich zähle in Gedanken. Ein paar Sekunden noch, und es ist aus. Während ich in meiner Pose verharre, mit einem Grinsen wie aus einer Zahnpastawerbung, kracht das Eis. Noch ehe ich die Tanznote bekomme, versinke ich in flüssigem Vergessen. Mit einem Schlag bin ich wach, das Bettzeug am Boden, ich naßgeschwitzt. Der Boulevard ist öde, aus der Ferne blinken ein paar Straßenlaternen. So ist das mit den Träumen, sie vergehen, sobald es einem ein bißchen wohler ist. Wie in einer Soap Opera. In der nächsten Folge, coming up, wieder Albträume. Ein Mist, so ein Traum, einmal und nie wieder. Der Traum ist wie ein Freier, der seine Hure im Bordell nicht mehr besucht.
Im Viertel ist nichts los. Du bist zu mir gekommen, um die andere Geschichte zu hören. Die mit Tina. Und ich komme dir mit meinem Geschwätz. Ich bin halt egoistisch, wie alle Krüppel. Bösartig, zugegeben. Du mußt all das Gelaber ertragen, bevor ich dir den Kuchen auftische, auf den du scharf bist. Tina, eine Figur! Du fragst dich, wieso sie nicht mehr im Fernsehen ist. Wo ist sie, hat sie sich versteckt? Nachdem sie uns mit all ihren Schmankerln, Interviews&Auftritten beglückt hat! Sie hat uns ganz in ihren Bann gezogen, und plötzlich hat sie sich in Nichts aufgelöst. Es gab Abende, da war sie echt ein Straßenfeger. Niemand ging mehr aus dem Haus, wenn sie auf den Bildschirmen erschien. Und wo, bitte, ist sie jetzt? Als hätte es sie nie gegeben. Das Vergessen hat sich über das angebetete Antlitz gesenkt. Ich wundere mich, daß du dich noch an sie erinnerst. Beim Fernsehen ist man weg vom Fenster, wenn man drei Tage nicht auftritt. Ist auch gut so, heute bist du ein Gott, morgen nicht mal mehr ein Straßenköter, es gibt dich nicht mehr. Staub, vom Winde verweht. Ihre Erinnerung nichts als Asche. Tinas Geschichte interessiert dich, das merke ich schon. Wie verschwindet jemand einfach so? Hat man sie umgebracht, überfahren, hält sie sich versteckt? Ist sie mit einem Liebhaber abgehauen? Sie ist mit einem Auftrag als Sonderberichterstatterin zum Himalaja gefahren und hat vergessen, zurückzukommen? Sie ist konvertiert und führt ein religiöses Leben in einem tibetanischen Kloster. Sie hat einen Kerl mit viel Geld geheiratet und ist nach Argentinien gezogen. Tanzt Tango im Hafen von Buenos Aires. Schön fände ich es, wenn sie sich auf dem heißen Sand der Karibik wälzte. Oder als schicke Dame in Monte Carlo vom Jet Set ausgehalten würde. Wenn sie aber als Fischfutter am Grunde des Ozeans vor Grönland liegt und der Titanic Gesellschaft leistet? Oder macht sie inkognito Urlaub in Miami, auf Rhodos, in Aspen? Am Gardasee? Nicht? Das ist es, was dich reizt, ihr Geheimnis. Das willst du von mir erfahren. Das Geheimnis. Die Befriedigung kommt schon, aber später. Es gibt noch allerhand zu erzählen.
 
Szene 3, ein bißchen Sex. War ja auch Zeit, oder? Wir sind schon auf Seite XX und haben uns noch gar nicht um die Libido gekümmert. Wo ist der Kick? Das Publikum ist ungeduldig. Ich plaudere aus dem Nähkästchen, was eigentlich nicht meinem Charakter entspricht, um so weniger, wenn es um Tina geht, meine Seelenschwester. Wir schleichen uns in ihr Intimleben nur ein, damit du später ein paar Dinge begreifst. Die Szene spielt in einer komfortoptimierten Junggesellenwohnung in einem banalen Bukarester Viertel. Zu sehen ist ein Mannsbild um die 50; wir haben ihn vorhin schon ausgemacht, es ist der mit der Fliege. Er gibt den Herrn von Welt, geschenkt. Honigsüß, beste Manieren, aber im Nu hat er die Hand unter deinem Rock. Brrr, nicht geschenkt möchte ich den haben. Wir erkennen ihn wieder: Er beklagte sich, die Bergleute hätten ihm den Schädel eingeschlagen. Puiu Duduş, Personalausweis Serie BG, Nr. 732456, liegt quer auf dem Bett. Die Jacke hängt über dem Stuhl in der Ecke, Hemdkragen offen, Bäuchlein, schlaff. Die andere Gestalt, unsere Mimose, Tina, meine Liebste. Über den Bildschirm laufen streikende Bergleute in wattierten Jacken, der Bahnsteig quillt über. Lärmend drohen sie, alles kurz und klein zu schlagen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Wie ein Haufen Besoffener, die am Zahltag die Vorstadt nach Mädeln durchkämmen. Vom Wirt wollen sie Flaschenwein. Und die Musik soll spielen, oder es setzt was. Zersplitterte Schaufenster, Dieselöl rinnt übers Pflaster, Autos brennen. Die Kamera ist ganz nah dran. Ein Spektakel, wie geschaffen für breaking news. Der Volkszorn, entfesselt.
Duduş: „Das finde ich jetzt nicht mehr lustig …“
Tina: „Wieso soll denn ich nicht auf Sendung gehen, dort?“ Mit einem beiläufigen Wink zum Fernseher. Jean Stan ist vor Ort, umgeben von Bergleuten. Sie recken ihre Schädel in die TV-Kamera, wollen gesehen werden. Sie machen das Victory-Zeichen, sind gut drauf. Nur ihr Anführer, hochgewachsen, Blaumann, Helm im Nacken, kariertes Hemd, bärtig, schaut finster drein und schweigt.
„Der ist gefährlich …“, sagt Duduş.
„Für wen denn, bitte?“ fragt Tina.
„Hau ab nach Paris, bring dich in Sicherheit. Ich bleibe, komme, was will.“
„Ja, markier du nur den Helden, opfer dich! Steht dir! Was habe ich dort zu suchen?“
„Den großen Avram Duca suchst du.“
„Puiu, du willst dir ja nur Freiraum schaffen für diese Popescu. Wenn du sie nicht schon aufs Kreuz gelegt hast.“
„Das bildest du dir ein!“
„Die mit den Grübchen, wie heißt sie nur, deine Puppe, Lu-lu? Lu-lu! Gestern habt ihr euch eine Stunde in deinem Arbeitszimmer eingeschlossen, du und dein Liebchen. Die Sekretärin hat alle Naseweise ferngehalten, sie in Grund und Boden gelächelt. Wo ist der Chef? Nicht da. Sie lügt besser als wir beide zusammen. Du solltest ihr Gehalt verdoppeln. Als dann die Tussi herauskam, Klamotten verrutscht, verstrubbelt und mit hochrotem Kopf, das waren vielleicht Ellbogenschubser, Seitenblicke, Lacher im Vorzimmer. Lulu grüßte die Sekretärin mit Hola, und weg war sie. Sie hat Talent, ganz klar. Sie hinterließ nur das Klappern ihrer Absätze und ihren gespenstischen Duft. Sie nimmt Chanel 5, hast du ihr aus Paris mitgebracht.“
„Als ich das Interview mit Duca für dich eingefädelt habe.“
„Ach ja! Und was hast du die ganze Zeit hinter der Tür gemacht? Dich untenrum gewaschen, in den Spiegel geguckt, was du doch für ein Kerl von einem Mann bist. Kleine Gymnastikübungen, eins, zwei, drei, vier. Whisky getrunken, eine Havanna angezündet, den Hosenstall zugeknöpft, denn es folgten Audienzen. Oder?“
„Klatsch und Tratsch“, grinst Duduş. „Diese Stadt ist ein Wespennnest von Klatsch&Gerüchten. Alles wird im HNO-Bereich abgefackelt, das Mäulchen kommmt noch hinzu. Eines Tages habe ich es satt und gehe. Wie der Duca.“
„Vergiß das bloß nicht! Und wohin?“
„Nach London oder in die Toskana. Diese Leute verdienen mich nicht. Ich mache das stärkste Fernsehen, und die Presse macht mich dauernd zum Gangster, Mafioso, Intriganten, Securisten. Der Journalist, mit dem dich die Paparazzi letzte Woche im Schwarzen Kater erwischt haben, ist ein As. Farbbild bei Vollmond, ihr himmelt euch zärtlich an, hahaha. Du treibst dich nachts mit meinen Feinden herum?“
„Du warst im Bett mit deinem trauten Weib. Als Opfer taugst du nicht. Wenn du auch nur einen Augenblick lang Schwäche zeigst, zerreißen sie dich. Eine Armee von Contras ist hinter dir her. Sie warten nur darauf, daß dir die Knie weich werden, dann stechen sie zu.“
„Der Augenblick kommt auch noch.“
„Mach hier nicht einen auf Opfer, sonst wirst du eins. Ein bißchen Asche und ein paar Eierschalen.“
„Was bist du schwarz gestimmt heute abend. Bist böse, daß du keine Sendung mehr hast, tja, ich hoffe, das vergeht dir. Feinde? Nun, ich wehre mich meiner Haut, keine Sorge. Ich bin aufs Knurren dressiert. Ich beiße, steche, bespitzele, ich bringe dich vor den Ausschuß und mache dich fertig, mit den Stimmen meiner Anhänger. Kurz, ich bringe dich um Lohn und Brot. Hehehe.“
„Habe ich gemerkt.“ Schweigen. Dann: „Paß auf mit dieser Lulu. Die ist ein ‚naives Früchtchen’. Wie das halt so geht, ‚Verführung durch den Hominiden Puiu Duduş, ein Exemplar der Gattung homo pithecanthropus virilis’. Phase 1: Einladung ins Büro. Sobald sie schüchtern auf der Schwelle erscheint, führst du sie ans Fenster und zeigst ihr den herrlichen Park. Du seufzt melancholisch, es folgt eine mannhafte Erklärung für deine Einsamkeit als großer Mann, der du bist, scheinbar ein Wüstling, dabei eine Seele von Mensch. Du sagst drei Strophen von Rimbaud auf, dann eine von Minulescu. Phase 2: Lagerung auf dem Sofa, vorsichtig, zärtlich, damit das Rehlein nicht abhaut. Röckchen hochschieben, rittlings über dem Kindchen, Liebeserklärungen,forever. Du zerrst an der Bluse und zeigst dich wild entschlossen, sie zu zerreißen, um an die göttlichen Brüste dieser Madonna zu gelangen. Du erklärst, daß du sie schon lange verhalten beobachtest, ihren Gang bewunderst, ihre Art zu reden, ihre Schönheit, ihre Klugheit. Du hast dich entschlossen, ihr eine Chance zu bieten. Von Sex keine Rede. Du sagst ihr nur, daß du ihn nicht mehr durchhältst, diesen Kampf mit den Dämonen, pardon, Hormonen. Du sagst ihr, du hast Ehre im Leib, du ringst mit deiner Moral. Du hast eine Frau, aber ihr lebt seit zehn Jahren nicht mehr zusammen. Du hast keine Ahnung, wie sie nackt aussieht. Du fragst dich, ob das wahre Liebe ist, was du für sie empfindest. Die Finger zwischen ihren Schenkeln, den Mund an ihrem Ohrläppchen, erklärst du ihr, daß du nun so erregt bist, daß es eine Dummheit wäre, kehrtzumachen. Du sagst ihr auch gleich, daß sie du sagen kann und Puiu, aber nur, wenn ihr allein seid und intim, nicht in der Öffentlichkeit. Ihr müßt den Schein wahren, die Leute sind böse, sie verstehen nichts von einem wahren Gefühl. Ist es nicht so, Puiu? Und dann knetest du ihr Möschen zurecht, daß es zart erblüht, feucht und frisch. Noch eine auf Ihrer Liste, Sire. Die arme Lulu kennt die Geschichte nicht, soll ich sie ihr erzählen?“
„Du bist ja verrückt, du spinnst, misch dich bloß nicht ein.“
„Ach nee! Meinetwegen kannst du beruhigt sein. Ich will nur keine Ammenmärchen von dir hören. Das wäre eine Beleidigung. Ich weiß, wie du sie manipulierst, die – ich zitiere – ‚armen, schutzlosen Geschöpfe’.“
„Was ist los mit dir heute? Du quasselst in einem fort, leg doch auch mal eine Atempause ein. Du läßt deine Nerven an mir aus. Du bist traurig.“
„Nicht doch, wieso sollte ich. Lenk nicht ab. Hast du sie soweit? Gibst du ihr eine Sendung? Gib ihr meine, du magst eh nicht, was ich mache.“
„Tina!“ sagt er weich.
Sie hört nicht auf ihn, sie tänzelt durchs Zimmer und säuselt: „Lu Lu Lu Lu.“ Keiner hört auf den andern.
„Tinaaa!“ Duduş klingt bestimmter.
Auf dem Bildschirm Aufnahmen mit den Bergleuten. Duduş richtet sich auf, steht vom Bett auf und geht durchs Zimmer. Er dreht den Fernseher demonstrativ lauter, vielleicht interessieren ihn die Nachrichten wirklich. Er malträtiert die kaputte Fernbedienung. Er schaltet erregt quer durch die Programme. Er treibt die Laustärke noch höher. Bis ihre Stimme übertönt wird.
„Das ist Macht! Siehst du? Macht in Reinkultur!“
Die Programme blitzen nacheinander auf, immer nur eine oder zwei Sekunden. Auf dem Bildschirm ein Anschlag in Beirut, ein Star auf dem Flughafen, Drogenschmuggel, Tooor, Komplizen verhaftet, das Wetter.
„Glaubst du etwa, es gibt noch etwas hinter dem Bildschirm? Alles ist Bild, nichts ist wahr. Es ist wie die Frage, ob es jenseits der bekannten Welt noch etwas anderes gibt, Gott zum Beispiel. Nichts gibt es, was über unsere Sinne hinausgeht. Nichts als das, was wir auf dem Bildschirm sehen, im Fernsehen, im Kino, am Computer. Die Wirklichkeit, wie wir sie kannten, ist im 20. Jahrhundert dahingeschieden. Alles ist, was es scheint, im Grunde. Die ‚objektive Wirklichkeit’, von der Väterchen Marx und sein Onkel Hegel reden, ist ein Scheißdreck, meine Liebe. Es gibt sie nicht, sie ist eine Chimäre. Alle waren hinter ihr her, vom Mittelalter bis gestern. Zum Glück gibt es die Wissenschaft …“
„Du faselst, du spielst verrückt.“
Auf dem Bildschirm erscheint Jean Stan auf einer Grünfläche, umgeben von Bergleuten mit kohleverschmierten Gesichtern. Jean Stan im Vollgefühl seiner Bedeutung als „Sonderberichterstatter“ auf einem Kriegsschauplatz.
„Der hat das Zeug dazu. Wenn der lügt, merkt man es nicht, auch nicht in Großaufnahme. Der würde deinen Duca schon kriegen.“
„Gib ihn ihm! Soll doch er nach Paris fahren. Tu ihm was Gutes. Wieso ich?“
Duduş tut, als hätte er sie nicht gehört: „Der Jean, ein Reporter von echtem Schrot und Korn.“
Bild&Ton. Arbeiter, Spruchbänder, Fahnen, Sprechchöre.
 
Das sind so Tinas Spielchen. Eine banale Liebschaft, hin- und hergerissen zwischen Nachrichten, Fernsehen, Klatsch, Konflikten. Weder sie noch er glauben an die Sache. Warum sind sie überhaupt da, zwischen ihnen ein breites Bett mit grün-brauner Decke und großen gelben Kissen? Ich denke, sie haben keine Ahnung. Ein bißchen Sex auf die Schnelle. Der Reporter Jean Stan ist von Werbeclips für Waschmittel, Waschmaschinen, Gebt den Kindern Süßes, Lebensversicherungen verschluckt worden. Als wieder Nachrichten kommen, verkündet die brave Lulu, über die sie gerade geredet haben, den Fernsehzuschauern, „die Nachricht, derzufolge Avram Duca nächsten Monat nach Rumänien kommen werde, um sich an den Dreharbeiten zu dem Film Maestro nach dem Roman gleichen Titels zu beteiligen …“
„Der schon wieder!“
„Mach lauter!“
Sprecherin Lulu Popescu: „… ist gestern abend aus Kreisen, die dem großen Künstler nahestehen, dementiert worden. Wir erinnern, daß Avram Duca, seit er in den Westen geflohen ist, nicht mehr nach Bukarest zurückgekehrt ist und dies weiterhin ebenso verweigert wie eine Veröffentlichung seiner Bücher in seinem Herkunftsland. Als Verfolgter des ehemaligen Regimes …“
Duduş schaltet den Fernseher aus und brummt: „Angeber!“
„Na bitte?! Und wieso soll ich dann ein Interview machen? Erklär mir das!“
„So halt! Die Götter, Tina, haben es beschlossen. Trocan.“
Er deutet mit dem Finger zur Decke.
„Du lügst schlecht. Was dir daran liegt, weiß ich nicht.“
Sie fixiert ihn, er starrt zurück. Zwei Raubtiere, die sich mit Blicken messen. Sie mögen ja ein Liebespaar sein, ihre Blicke aber sind kalt – für den Augenblick oder auch für mehrere, weiß der Teufel.
„Du hast mir nie gesagt, weshalb du dich mit mir eingelassen hast.“
„Das klingt nach Abschied. Am Ende möchte der Herr wissen, was ich in seinem Bett zu suchen hatte. Die Wahrheit?“
„Nun ja. Wenn es überhaupt so etwas wie Wahrheit gibt auf dieser Welt …“
„Verehrtester, du vögelst mich gut.“
„Haha, guter Witz!“
„Willst du noch?“
„Warum nicht.“
„Dir habe ich meine Karriere zu verdanken. Emi hat mich zum TV gebracht, aber du hast mich unter den Aspirantinnen entdeckt. Du hast die Kamera auf mich gerichtet und hast gesagt: Los, du bist auf Sendung! Wie jedes uneheliche Kind habe ich Komplexe. Ich brauche Rückendeckung, Bestätigung. Als ich klein war, fühlte ich mich wie der Spatz im Staub. Immer schon haben mir ältere Männer gefallen. Ich stellte mir vor, so müßte mein Vater aussehen. Ich habe ihn nicht gekannt, leider. Und da kam den Herr“ – sie zeigt auf Duduş – „auf dem weißen Roß. Du hast mir die Chance gegeben, vor laufender Kamera dummes Zeug zu reden. Ich habe schon als unwissendes Kind davon geträumt, jemand zu sein.“
„Haha, hast du noch mehr von den Klischees?“
„Haha“, äfft sie ihn nach. „Wohltäter, der du bist, du hast mir die Türen geöffnet – und die Schenkel! Haha. Nach einer Kindheit im Waisenhaus, einem elenden Internat und dem Studentenwohnheim ist es ganz toll, ans Licht zu treten.“
Tina lehnt am Fenster. Draußen Schneeregen. Schlimmes Wetter. Ein Handy läutet.
„Es stört dich doch nicht?“ fragt Duduş.
„Mich stört gar nichts.“
Duduş geht dran, er dreht ihr den Rücken. Er redet abgehackt. Tina schaut weiter zum Fenster hinaus. „In einer Stunde bin ich da. Ja. Ich bin gut angezogen, keine Sorge. Mit Mantel. Ich habe auch ein warmes Unterhemd, ja, und den Regenschirm. Ich lasse mich fahren, ich laufe nicht. Es ist kalt, ich weiß. Tschüß!“
Er legt auf. Puiu Duduş setzt ein Gesicht auf wie ein Hund, den man beim Stehlen erwischt hat.
„Deine Frau! Mußt du weg?“
„Geeenau!“
„Du betrügst sie mit allen Flittchen, einschließlich diesem hier, wieso läßt du dich nicht scheiden?“
„Gemeinsame Erinnerungen. Die Kinder. Haben wir noch Zeit?“
Er legt die Uhr ab, knöpft sein Hemd auf.
Der Bildschirm wird schwarz. Ich meine, wir sollten hier einen Schnitt machen. Lassen wir unsere Einbildungskraft wuchern. Das Schweigen besagt mehr, als wenn ich hier schildern wollte, was in den nächsten 20 Minuten passiert. Ich überlasse euch dem Vergnügen zu raten. Wenn eure Vorstellung nicht ausreicht, schalten wir auf einen Pornokanal. Zur Zeit läuft ein Filmchen mit einem großen häßlichen Mohren, man drücke die Taste 7. Mit einem Dingsda bis zum Knie, er ist bemüht, es einer skandinavischen Schönheit mit goldenem Haar bis zu den Arschbacken, Ulla, in die Muschi zu rammen. Sie befinden sich in einer Werkhalle inmitten von Drehbänken und Eisenteilen. Er ist ein Proletarier ohne Klassenbewußtsein, denn das Mädel ist die Tochter des Werkinhabers. Auf Kanal XXL findet ihr ein Trio mit zwei Damen, die ein Playboy in einem klapprigen Ferrari irgendwo in Italien an der Straße aufgelesen hat. Das Abenteuer nimmt am Meeresstrand seinen Lauf. Ihr könnt einen gepflegten Blowjob bewundern, den die eine Nutte, die Russin Sascha, ausrichtet. Sie hat eine traurige Geschichte mit dem KGB und ihren Eltern, die ins Lager verschleppt worden sind. Wegen Armut und Verfolgung verläßt sie das Vaterland in Richtung freie Welt, statt als treuliebende Verlobte in Odessa zu bleiben. Die andere, petite Rose, Pariserin, sieht ihnen zu. Als es ihr langweilig wird, geht sie dazwischen, um auch noch etwas abzukriegen. Sie bietet ihre Nippel zum Saugen an, wir sehen, wie sie anal penetriert wird, sie stöhnt, während die KGBlerin eine Zitronenlimonade schlürft und den Playboy und Ferrarifahrer an ihrer Fotze züngeln läßt. Weitere Szenen: Ein ziemlich reifer Herr wirft seine Schuhe unter den Heizkörper und streift die Krawatte über den Kopf. Sie tritt vom Fenster zurück, hinter dem sich die postapokalyptische Landschaft einer Industriestadt auftut, banale graue Plattenbauten, auf deren Balkonen voller Gläser und Flaschen Wäsche zum Trocknen hängt. Sie setzt sich auf den Rand des Bettes, öffnet den Verschluß des BHs. Nicht doch, das macht er auf ihr Verlangen. Wir müssen auf die Einzelheiten achten. Sie schüttelt ihr Haar, streift mit einer einzigen Bewegung ihr Höschen ab – himmelblau – und legt sich auf den Rücken, wie ein Brett. Das sage ich euch nur so, falls eure Einbildungskraft nicht reicht und ihr nicht wißt, was Duduş&Tina im Schlafzimmer machen. Anstandshalber habe ich die Beischlafszene der Heldin mit ihrem Lover herausgeschnitten, ein bißchen Geheimnis schadet ja nicht. Im Gegenteil, es hilft. Wenn ich nicht schlafen kann, gucke ich Pornos bis zum Abwinken. Ich masturbiere, damit ich gut schlafe. Ich habe göttliche Finger, die kennen sich aus. Wenn ich ans Jungfernhäutchen komme, bin ich ganz hin und weg. Habt Nachsicht mit eurer Emiluţa. Sie ist halt eine Perverse. Wenn ihr brav seid, werde ich euch irgenwann die Scheide hyperrealistisch ausmalen, genauer als jeder Geograph vom Kiez.
 
Hast du Herzklopfen? Jetzt schon? Du hast ja noch gar nichts gehört. Das war Pipifax, nur zur Einstimmung. Das Melodram beginnt erst! Mein Herr, ich habe versucht, mir die Halsschlagader durchzuschneiden, mit einer Glasscherbe, das war noch härter als in Laßt die Frauen nicht allein, Folgen 4, 17, 33, 59, 81. Als Selbstmörderin bin ich ein Profi. Ich habe eine Akte bei der Notaufnahme wie die Nutten bei der Polizei. Ich habe giftige Pilze gegessen. Ich habe Schlafmittel geschluckt, die ein Regiment Soldaten umlegen würden. Und da schau her, ich bin nicht gestorben. Nun, ich bilde es mir zumindest ein, keine Ahnung. Im Entlassungsschein des Krankenhauses steht, man habe mich wiederholt Magenspülungen unterzogen, ich sei zwei Tage dabehalten und dann entlassen worden, allerdings unter Beobachtung, damit ich’s nicht wieder tue. Wer mich bewachen und beobachten sollte, weiß ich wirklich nicht. Ich lebe allein. Ich habe es wieder getan, es kam halt so über mich, ich wollte sterben. Ich hatte drei Wochen lang keine Minute geschlafen und öffnete mir die Pulsadern. Ich legte mich in die volle Badewanne. Das Wasser rötete sich, und das Leben rann nach und nach aus meinem Körper. Ich wurde ohnmächtig. Ich hatte Visionen mit einem Straßenbahndepot, hohen grauen Gräsern und Hunden, die im Müll schnüffelten. Aha, meine Bestimmung ist also nicht das Paradies, ganz klar. Der Engel kam durchs Fensterchen ins Bad. Mit einem Hauch stoppte er die Blutung. Er ließ das Wasser aus der Wanne. Er verband mich mit dem Mull aus dem Nachtkästchen. Die ganze Nacht blieb er bei mir und hielt meine Hand. Er besuchte mich dann täglich, bis ich wieder zu Kräften kam. Als ich anfing zu reden, verschwand er, ich habe ihn nicht mehr gesehen. Er erscheint mir noch im Schlaf, aber nur stückweise, hinter einer Wand, einer angelehnten Tür, kopfüber an der Dachrinne hängend. Nie zeigt er sich mir ganz, nur in Teilen. Und da bin ich, verdammt lebendig, und erzähle euch die Geschichte von Tina.
Wir kennen uns schon lange. Liebe auf den ersten Blick. Als wären wir von derselben Amme gesäugt worden. Von Kind auf. Dasselbe Viertel, dieselbe Häuserecke. Tanztees, Komsomol, Jungs, Klausuren, armseliges Lyzeum. Gemeinsam haben wir den Hochschulabschluß geschafft; sie ging in die Provinz. Das war besser für sie, Bukarest war voller Ratten. Sie bevölkerten die Gehsteige, sie überquerten in langen Zügen die Boulevards. Sie hat eine Heidenangst, nur eine braucht sie zu sehen, schon wird sie ohnmächtig. Wir telefonierten, wir schrieben uns. Sie war dem Ersticken nah, dort, einmal sagte sie: Mach was, ich sterbe! Ein einziger Mief, Zwiebeln, Rindviecher, Langeweile, Staub, Blödmänner. Nach einem Jahr war sie wieder da, eines Nachts stand sie in meinem Dachstübchen. Sie war ein bißchen schwanger und brauchte einen Gynäkologen. Zum Abtreiben, um das Elend loszuwerden. Heiße Kiste, Abtreiben war verboten, Ermittlungen, Prozesse, Gefängnisstrafen, das ganze Programm. Erwischtwerden war scheiße. Man mußte einen finden, der es riskierte, für gutes Geld, wie du dir vorstellen kannst. Wir waren arm wie die Kirchenmäuse, woher soviel Kohle, wo wir doch gerade so über die Runden kamen und Tina jetzt gar nichts mehr verdiente. Es ergab sich nichts, ihr Bauch wuchs. Sie war schon fast im vierten Monat, und kein Silberstreif am Horizont. Überall Spitzel, die scharf waren auf die dreckige Belohnung. Eine Anzeige bei der Miliz, und der Doktor war geliefert. Du aber auch, die du die Beine breitmachtest und die Leibesfrucht abtriebst, das Gut des gesamten Volkes. Ein Kopflohn war ausgesetzt. Die Zeitungen brachten solche Fälle, zur Einschüchterung. Auch ins Büro kam ein Typ. Alle Kolleginnen mußten die Muschi herzeigen, wir waren halt jung, hübsch und fickrig. Der wußte schon, wonach er suchte. Nach der wertvollen Frucht, wie sie vielleicht die eine oder andere im Unterleib trug, nachdem sie wie wild gebumst hatte mit irgendeinem Suffkopp, der gerade Gehalt gekriegt, also Geld für Wodka und Lust auf einen Fick hatte. Wenn der Typ dich trächtig erwischte, wurdest du bewacht wie die Gebeine der heiligen Paraschiva. Du wurdest Woche für Woche untersucht, du solltest nicht etwa dem geliebten Vaterland ein Baby rauben und es in den Müllschlucker schmeißen. Dann warst du dran, du und der Gynäkologe im Doppelpack. Es hagelte Anzeigen. Die kamen kaum nach mit dem Lesen, so viele waren es. So ist halt der gute Mann von nebenan, nett und freundlich, immer einen Spruch auf den Lippen; und wenn’s drauf ankommt, dann verpetzt er dich. Wieso auch nicht? Steht es denn in den Zehn Geboten, du sollst deinen Nächsten nicht anzeigen? Wenn du ihn liebst und er Dummheiten macht, dann kannst du ihn ruhig den Behörden melden, es ist zu seinem Besten. Nun, Tina wollte nicht Mutti sein. Wir suchten verzweifelt nach einem Quacksalber, mit dem wir einen Deal machen konnten. Er sollte die Kohle kriegen, auf die eine Gefängnisstrafe stand, nur damit Tina nicht in den Genuß der allseits beliebten staatlichen Förderung kam, die bei der Geburt ausgezahlt wurde. Na und? Wir haben sie geheimerweise nachts ins Krankenhaus eingewiesen, wo der Quacksalber Dienst hatte, allein. Tina kriegte Zustände beim Anblick der beängstigend gleißenden Fliesen im Operationssaal. Ich hielt ihr Händchen, es war, als hätte sie das Kind mit mir gemacht und nicht mit irgendeinem Säufer. Aber ich mußte ihr Mut machen, sie war drauf und dran, umzukippen. Den Sex hast du genossen, jetzt zahlst du dafür. Es war der klassische Trick, „spontane Fehlgeburt“, du hast etwas Schweres die Treppe hinaufgeschleppt, dabei ist etwas gerissen dort unten und die Leibesfrucht ist abgegangen. Du kriegtest eine Transfusion, die die Blutung auslöste. Die Staatsanwaltschaft wurde gerufen, um zu befinden, du markiertest die Unglückliche und heultest, wenn der Kerl mit dem Notizblock auftauchte, ein bißchen schauspielern mußtest du schon können. Du gabst die Frau in ihrer Verzweiflung, daß sie nicht glückliche Mutter sein würde. Es war lachhaft, alle wußten, was Sache ist, aber man drückte ein Auge zu. Nur, bei meiner Tina begann das Blut zu fließen und hörte nicht mehr auf. Ich dachte, sie stirbt, sie war bleich, grün, grau, bläulich, schwarz, kalkweiß im Gesicht. Auch der Doktor kriegte einen Schreck, er hatte schwache Nerven. Er sah sich schon mit einer Leiche im Keller, bei der Staatsanwaltschaft, ein Geständnis ablegen, der Unterfertigte, angeklagt der fahrlässigen Tötung, Strafmaß zehn Jahre. Das klingt heute wie ein schlechter Witz, aber damals war es ernst. Das Leben rann aus Tina, aber nicht tröpfchenweise, nicht nach und nach. Es drängte mit panischem Schwall hinaus aus ihrem eh schon geschwächten Körper. Nur eine sofortige Blutspende konnte sie retten. Wenn überhaupt. Woher aber ihre Blutgruppe, A2, Rh-positiv. Der Doktor ließ mir eine Probe abnehmen, aus Verzweiflung und auf gut Glück. Kaum Hoffnung. Er hatte eine dralle Assistentin, die in den unpassendsten Momenten Witze riß. Sie sprach vom Tod wie von einer Zigarette. Sie sagte geradeheraus Schwanz, Fotze, Titten, Arsch, Ficken. Ich war damals ein Mauerblümchen, eine Mimose, ich errötete. Jetzt habe ich ein Maul, das ist schmutziger als ein Gully. Tinas Chancen sanken gegen null. Du wirst schön sterben, Fräulein, sagte die Assistentin. Besser so als alt werden, verschrumpeln, überall Schmerzen haben, häßlich werden. Lieber so jung, damit das ganze Viertel dem Leichenwagen hinterherweint, du Schöne. Du wirst jede Menge Leute haben an deinem Sarg. Und Blumen, ich höre, du magst sie. Die machte ihr ja vielleicht Mut. Der Doktor sah gelbsüchtig aus. Er konnte nicht wissen, daß wir den Teufel in uns tragen, ich ebenso wie Tina. Wir gehören zur selben Gattung von Unglücklichen. Er hätte nicht Tinas Farben annehmen müssen, grün, weiß, bläulich, bis sie dann doch glimpflich davonkam. Schwein gehabt, auch unser Blut paßte zusammen, nicht nur unsere Lover und all die anderen Spielchen. Sie zapften mir Blut ab, es hätte eine ganze Wanne gefüllt. Das war ein Anblick, wie wir beide dalagen auf der kackbraunen Wachsleinwand mit schmutzigen, zerrissenen Laken. Der Doktor stand an der Tür und rang die Hände, er hatte Angst, daß der Staatsanwalt auftauchen könnte, der für die proletarische Moral zuständig war, oder daß gerade irgendeiner von seinen Feinden im Krankenhaus sein Wesen trieb, der ihn überprüfen und seine Karriere versauen würde. In den Geburtskliniken wimmelte es von Spitzeln. Er hatte ein verdammt schlechtes Geschäft gemacht mit den 3000 Lei von diesem Fräulein Tina. Und dann wollte sie ihm auch noch ein Schnippchen schlagen! Abkratzen, während er Dienst hat und ihr die Fotze auskratzt. Mach’s, laß keine Gelegenheit aus, sagte die Assistentin, auch ich ficke alles. Keiner ist mir durch die Lappen gegangen hier im Krankenhaus. Ohne Kondom aber läßt du ihn nicht in die Möse. Will er, gut, will er nicht, tschüß! Der Nächste bitte! Das Gequatsche von wegen, er zieht den Schwanz aus dir, wenn er soweit ist, glaub es bloß nicht. Die Männer, Mädels, hört, was ich euch sage, die vergessen sich, wenn es um ein bißchen Pippifleisch geht, die vergessen alles. Feige sind sie auch noch, wenn es drauf ankommt, verschwinden sie und vergessen sogar, wie du heißt. Nun denn. Sie ließen mich fast ausbluten, ich hatte einen Filmriß und wurde ohnmächtig. Ich erinnere mich an die weiß gleißenden Fliesen, an die flackernde Glühbirne und an Tina, wie sie dalag, halb tot. Als ich zu mir kam, lag ein kleines bläulich-rosa Etwas blutig wie ein neugeborenes Kätzchen in einer weißen Emailschüssel, in der der Doktor seine OP-Instrumente gehalten hatte. Er hatte es Tina gezeigt. Sie weinte. Mein Kind, mein Kind! Sie hielt ihren Kopf in den Händen und wiegte sich auf dem Bettrand, den Blick starr auf die Emailschüssel gerichtet, wie eine Verrückte. Wie unter Drogen. Ich pennte weg, ich war sehr geschwächt. Der Doktor und die Assistentin verfrachteten uns in ein Auto und karrten uns nach Hause, damit wir nicht etwa im Krankenhaus krepierten und sie Ärger bekämen. Es war im Morgengrauen, als sein Dienst zu Ende war. Die Straßenbahnen traten ihre Fahrt an, in den Wagen saßen die letzten Nachschwärmer, die sich dann wer weiß wohin verzogen.
Was Tina zu jener Zeit machte? Die war ziemlich arbeitslos und rannte kleinen Jobs hinterher. Ich war als Büromäuschen beim Radio gelandet, aber es reichte kaum, denn wir teilten alles, wie du dir vorstellen kannst. Nichts zu reißen, nichts zu beißen, keine von beiden. Zeitweise war sie verschwunden; dann tauchte sie wieder auf, mit Ringen unter den Augen und bitter enttäuscht von irgendeinem Hosenträger. Ich genauso. Und so ging das immer weiter, bis 89, zur Adventszeit, als sie um ein Haar von einem Soldaten durchsiebt worden wäre. Ja, Menschenskind, du hast Abtreibung und Hunger überstanden, bist nicht verreckt vor Ekel und Angst, und jetzt stirbst du den Heldentod durch eine Kugel. Der wollte sie erschießen, weil sie keine Papiere vorzeigen konnte, Zitat: Ich habe den Befehl, auf alles zu schießen, was sich bewegt. Vor allem auf geile Mädels, was? Als jagte er Spatzen. Tina, die Pistolenmündung zwischen den Titten: He Kleiner, wenn ich ficken gehe, dann nehme ich keine Papier mit, sonst kriegt mich die Miliz und erklärt mich zur Hure. Es ist Weihnachten, mein Junge in Khaki, mach mal halblang. Eine ganze Woche war meine Tina mit einem im Bett gewesen. Sie hatte keine Ahnung, was los war. Sie hatte das Telefon aus der Steckdose gezogen, kein Radio, kein Fernsehen. Als sie auf die Straße trat, dachte sie, die Kugeln sind ein Spaß, zur Belustigung der dumpfen Massen. Und zack, wurde sie von Soldaten gestellt. Es wurde geballert, was das Zeug hielt. Ein Viertel voller Verrückter, die ihre Magazine leerschossen. Begreif das doch, Gnädigste, bleib zu Hause, wenn dir dein Leben lieb ist. Sie begriff nicht. Genau das wollte die Tina, sehen, was los ist, welches Spiel gespielt wird. Sie brannte lichterloh. Sie hatte Blut geleckt. Ihre Nüstern sogen den Pulverdampf, den Gestank von Diesel und Kerosin begierig auf. Emiluţa, also ich, nichts wie hin zu der Adresse, von wo sie mich angebimmelt hatte. Sie hatten ihr eine Münze fürs Telefon gegeben, ihr letzter Wunsch sozusagen. Ich sollte sie vor den Bajonetten der Soldateska retten, so sagte sie. Ich war in jenen Nächten auf den Straßen unterwegs gewesen, hatte mich unter die Aufständischen gemischt. Hatte Wasser und Brot geschleppt, hatte geschrien: Nieder! Hatte Panzerfahrer angefleht, in die Kaserne zurückzukehren, hatte in der U-Bahn geschlafen. Ich kam todmüde nach Hause, als das Telefon schrillte. Tina, natürlich. Ich solle sie holen. Sie war im Kiez und zwitscherte, man werde sie an die Wand stellen. Was zum Teufel geht vor in dieser beschissenen Stadt? Was wird da für ein Film gedreht? Massenszenen, Statisten, das ganze Programm. Ein Zug Soldaten wolle sie vernaschen. Ihre Schwänze stehen wie Maschinenpistolen, ich schwör’s. Wenn die mich weiter so erschrecken, setzen bei mir die Wehen ein, ich erleide eine Fehlgeburt oder komme gleich in die Wechseljahre, meine Liebe. Sag auch du’s ihnen. Die sind geil. Da solle die Emiluţa doch was machen und dem Lümmel da bezeugen, daß sie die ist, die sie zu sein behauptet. Selbst wenn sie keine Papiere hat, ist sie eine redliche Frau. Etwas betrunken und unausgeschlafen, wie du dir vorstellen kannst. Menschenskind, es ist Revolution, sagte ich zu ihr. Quatsch mit Soße! keifte sie. Ich hatte sie schon genug gelangweilt. Der Diktator ist kaputt, sagte ich. Er ist erledigt! legte ich nach. Komm, mach mich nicht verrückt! Sie glaubte kein Wort.
Emiluţa also: Wumm, den Hörer auf die Gabel geknallt und auf dem Absatz kehrtgemacht. Ich hoffte, sie lebendig vorzufinden. Die Soldaten fackelten nicht lange, die hatten Befehle. Der Trabbi brachte mich zu der Adresse. Die Kugeln pfiffen! Iij iij iij! Iij iij! Ich rauschte am Tatort herein und nahm mir den Soldaten vor. Wie ich schon sagte, beim Radio wischte ich Staub in den Büros und kochte Kaffee für einen Chef, der versessen war darauf, mich während der Arbeitszeit zu vögeln. Er war verrückt nach meinem Hintern. Zum Glück war er impotent. Er hatte seit dem Besuch von Nixon, wo er als Pressekorrespondent dabeigewesen war, keinen mehr hochgekriegt. Ein Foto mit ihm und Nixon hing in seinem Büro. Der Kerl in Khaki, der Tina mit der Kalaschnikow drangsalierte, scherte sich einen Dreck um meinen Schrieb mit dem Stempel vom Radio. Damit könne er sich den Arsch wischen, wenn er Durchfall bekäme. Ich sagte ihm, die Verhaftete sei für die Revolution, habe gekämpft, sei auf unserer Seite. Tina grinste und rauchte. Was zum Teufel soll die Pistole? Du drückst aus Versehen ab und hast einen unschuldigen Menschen umgebracht! Kaum hatte ich den soweit, da ging Tina auf mich los. Sie fuhr mich an, ich solle keine dummen Witze machen. Was denn für eine Revolution, bist du verrückt geworden? Das gehe ihr irgendwo vorbei, du weißt schon, wo, und ich solle besser aufhören mit dem Herumkaspern. Sie meinte, wir wollten uns über sie lustig machen. Der Kerl in Uniform wollte sie unbedingt in die Kaserne schleppen. Oder auf der Stelle erschießen. Da brannten bei mir die Sicherungen durch, Mann. Ich begann ihn anzuschreien, ihn zu kratzen, hysterisch loszuheulen. Der Kerl erschrak. Er sah nur, daß die Kleine dort sich kaputtlachte, während diese hier auf ihn losging und ihn schlagen wollte. Ein verstaubter General, dieser Mardare, kam vorbei; er sah stumm zu. Die ruhmreiche rumänische Armee, entwaffnet von zwei Flittchen. Noch dazu trug ich eine Armbinde. Ich hätte lieber ein Höschen flattern lassen sollen. Der dachte an Auszeichnungen, Beförderungen, Befehlsgewalt. Dann war da noch die Trikolore an meinem Trabbi, denn ich bin von Haus sowas von patriotisch, zum Fürchten ist das. Und da es ja nun ums Vaterland ging, kapitulierte der General. Er befahl der Truppe, abzuziehen. Die Sache endete mit Glanz und Gloria. Der Zugführer im Rang eines Sergeanten und seine Muschkoten hatten sie durchlöchern wollen, daß man das Mehl für den Maisbrei durch sie hätte sieben können. Und sie dann zu den Leichen auf dem Bügersteig gelegt – lauter Schußwunden –, um deren Eingeweide sich die Straßenköter des Viertels rissen. Des Teufels sind die, fressen nur Menschenfleisch, Leber, Niere, Lunge. Viele sind’s, eine Meute, gierig, verrückt von der Witterung. Das sagte er, ziemlich einsilbig, zu uns, Tina&Emiluţa, als wir nach dem Vorfall eine rauchten. Wir machten Bilder. Einer von denen hatte eine Laika, große Klasse. Gruppenfoto, wir beide mit dem ganzen Zug, wir grinsten, zur Erinnerung. Wenn man bedenkt, die hatten die Tina umnieten wollen! Da hättest du nichts mehr zu ermitteln gehabt. Der Zugführer stand kurz vor den Entlassung, er hatte keine hundert Kasernentage mehr. Tina gab ihm Geld, er sollte sich mit den Kameraden besaufen. Einen trinken auf die Revolution, aufs Vaterland und auf die Liebste, nach Herzenslust. Freigiebig zückte sie das Parfümfläschchen aus der Handtasche und bespritzte ihn. Dann mich. Im Himmel werde ich deine Magd sein, zur Belohnung! flötete sie mir ins Ohr. Ich weiß nicht, was sie daran so lustig fand. Ich war verheult und halb tot, während sie lachte. Ich brauchte eine Dusche, Zigaretten, Kaffee. Die Stadt qualmte, Leuchtspurgeschosse fauchten durch die Dämmerung. Eine Wagenkolonne fuhr vorbei, auf den Ladeflächen wurden Fahnen geschwungen und Salven in die Luft geschossen. Dann hielt vor uns eine verstaubte Schrottkiste von einem Bus, jämmerlich quietschend wie ein kaputtes Akkordeon. Der Fahrer schielte in den großen, gesplitterten Rückspiegel, um zu sehen, ob wir, die beiden da mitten unter den Soldaten, noch am Leben waren. Die Soldaten stiegen ein, wir blieben in der Haltestelle zurück. Du hast mich vor dem Tod gerettet! sagte Tina pathetisch. Und das fandest du so zum Lachen! gab ich zurück. Plötzlich war die Straße wie leergefegt. Von irgendwo wurde geschossen. Tina hat später erfahren, daß unser braver Soldat nicht mehr nach Hause entlassen worden ist. Noch am selben Abend hat ihn eine Feuergarbe niedergemäht, 89 im Advent.
 

About this issue

This July, The Observer Translation Project leaves its usual format to present a special CRISIS ISSUE. Things are tough all over. Hard Times suddenly feels like the book of the moment. The global economic crisis impacts life as we know it, and viewed from Bucharest the effects reverberate in domains that include geo-politics and publishing in Romania and abroad, with the crisis at The Observer Translation Project as an instance of a universal phenomenon. read more...

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Author: Vasile Ernu
Translated by: Monika Oslaj

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