Die Geschichten des Geografen Ioan

Ştefan Agopian | March 01, 2009
Translated by: Peter Rösch, with the participation of Gerhardt Csejka

 

Die Geschichten des Geografen Ioan

Lang zogen sich damals die Tage dahin, die Dunkelheit scheinbar endgültig von sich gestreift, staubig und wehmütig. Von irgendwo her ließ Er, einen endlosen Blick aufgelegt und engelumgeben, unseren Schritt sich verlangsamen, uns so zur Ruhe kommen. Der Speichel gerann uns letztlich zu einem Gemisch wie fusselige Watte und unsere Worte verendeten langsam. Wir versanken im Gehen in einer Art schlangenhaften Schweigens, während die seitlich abgerutschte Sonne ins Feld ausblutete. Erhaben wollten wir, die Waffen fest an den Leib geschnallt, sein.

Einer unermüdlichen Kriegsmaschine gleich ließ der Armenier seine Schritte auf das grünliche Wasser, diesen miefenden Tümpel, zurollen. Ioan, fast nur ein Trugbild in der staubigen Luft, folgte ihm auf dem Fuße. Licht schob sich zwischen die beiden, blasses, das sie auseinanderhielt.

- Lass uns hier rasten und unsere Gebete sprechen, sagte der Armenier.

- Ich werde das Alphabet aufsagen! sagte Ioan starren Blickes, denn, wie die Mystiker schreiben, umfasst das Alphabet schließlich alle Gebete, ja sogar einen Draht zu den Engeln verspricht es.

- Wohl wahr, sagte der Armenier, unterdes er seine verstaubte Rüstung ablegte, Philander von Sittewald hielt es nicht anders und auch ein Dichter aus dem Banat oder aus Batavia, ist mir im Moment nicht geläufig, fügte er hinzu, seinen Blick auf den soeben abgestreiften Metallklumpen geheftet, Nicolaus Grudius, der seine Briefe mit der durchaus gefälligen Schlussformel zu beenden pflegte: „Gehabt Euch wohl, hochwerter Senior, und lasst mich nicht allzu lange auf Eure hoffentlich wohlwollende Antwort warten“, meint, es sei gut, sich als Mensch nicht von Unwissenheit verdrießen zu lassen.

Und da der Armenier dies gesagt hatte, stand er bereits nackt in Ioans Blickfeld, und Ioan, der grämliche Geograf, ihm gleich. Zwei riesige Metallklumpen lagen ihnen zu Füßen, bezwungen von ihren weißen, abgezehrten Körpern.

- Galen! sagte Ioan, empfiehlt nach einer verlorenen Schlacht ein Schwefelbad.

- Und nicht nur das! bemerkte ein winziger Antiquar, der in Judentracht von irgendwoher aufgekreuzt war. Unter dem Arm hielt er ein Bündel Bücher, das er vor den Beiden ausbreitete. Greifen Sie zu, meine Herren! sagte er und trat einen Schritt zurück.

Vor ihren Füßen reihten sich insgesamt zehn Bücher in dieser Reihenfolge aneinander: Catalogus planatarum sicularum; Kirchers Mundus Subterraneus; Descartes: Les Passions de l'âme; Indagine: Chiromance et Physiognomie, erschienen in Rouen; ein Werk des Pseudo-Aristoteles ohne Titel; Entzelt: De Re Metallica; Hieroglyphica, die angebliche Übersetzung aus dem Ägyptischen; Pellegrini: Del concetto poetico, ziemlich zerfleddert; Olahus: Processus Universalis als auch Comenius mit einer Schrift, die den Titel Pampaedia trägt.

- Angesichts dieser Bücher, sagte Ioan, der seinen Blick über die Reihe streifen ließ, muss ich an wohler gesonnene Zeiten denken, da ich sie las.

- Greifen Sie zu, meine Herren, sagte erneut der Antiquar Herzog, kriegslose Zeiten noch und nöcher stehen den Herrschaften bevor.

Die Sonne schimmerte schräg und rot und traurig wie eine Korallenkugel bis an den Rand ihrer Blicke, unsagbar schwermütig stimmte sie sie.

- Ungefähr so wird auch der Globus der Antiterra aussehen, sagte Ioan, da er zu eben dieser Sonne sah, derweil ihr purpurner Lichtschleier, in den Augen zerknitterte Chlamys ihn betrübte.

In diesem Augenblick mahnte ihr Anblick an zwei Kaisergestalten, trist und enthüllt und unversöhnt. Würdevoll näherten sie sich dem Wasser, tauchten mit den Füßen in sein grünliches Spinnennetz.

- Ganz schön warm die Suppe, sagte der Armenier erschwerten Schrittes, der ihn seine Füße im Schlamm, als sei dieser dünner Flaum, versinken spüren ließ; nur zu seiner Freude von einem leichten Kitzeln begleitet, ähnlich wohlgefällig wie auch das Prickeln des Wassers an seinem geschundenen Leib. Bis von ihnen bald nur noch ihre Köpfe zu sehen waren, in stummer und ewiger Erwartung, als hätte sie jemand auf einem porphyrenen Präsentierteller angerichtet.

Herzog, der Antiquar, trat an den Uferrand und las ihnen aus der Pampaedia, namentlich aus dem mit Pandidascalia übertitelten Kapitel, wo es da heißt:

„Was aber ist ein Pandidascalus, ein wahrer Lehrer des Ganzen? Er ist ein Gelehrter der Pampaedia, ein Doctor Pampaedicus.“[1]

Und er fuhr fort:

„Um wahrhaft dem zu entsprechen, der er sein soll, hat der Pandidascalus ein dreigliedriges Ziel seiner Lehrkunst zu verfolgen: Universalität, Simplizität, Spontaneität.“[2]

Las er ihnen genüsslich und wohlbetont vor, zu ihrer unbeschreiblichen Freude, denn es deckte sich genau mit ihrer damaligen Gesinnung.

Anschließend kamen sie auf den Teich Bethesda zu sprechen, der da zu Jerusalem gleich neben dem Schaftor liegt und wo einst ein Engel ab und zu das Wasser bewegte, auf dass jene Bewegung zur Heilung all jener diene, die da eilten, als erste ins Wasser einzutauchen. Und auch wie Jesus dort den Lahmen nach achtunddreißig Jahren von seiner Krankheit erlöst hatte, ließen sie nicht unerwähnt.[3]

Worauf Ioan wiederum eine Begebenheit einfiel, die ihm widerfahren war und von der er nun zu erzählen begann:

 

 

1. Die Geschichte von Cantemirs Kakodämon

 

Wie ich mich im Jahre 1800 im Besitz von etwas Geld befand, gedachte ich eine Reise zu unternehmen. Nicht etwa weil es mich danach dürstete, etwas zu erfahren, das ich nicht ohnehin schon gewusst hätte, nein, sondern allein weil ich soeben eine Krankheit überstanden hatte und körperlich wie geistig ausgelaugt war. Ich erwarb also eine Bibel, schnürte die paar Sachen, die ich besaß, in ein Tuch und eines heiteren klaren Morgens brach ich auf. Ein freundlicher Herbst hatte gerade erst begonnen, genau das richtige Reisewetter.

Eine spezielle Route hatte ich mir nicht überlegt, so dass ich jetzt nicht einmal mehr sagen könnte, durch welches Tor ich Bukarest damals verlassen habe, so belanglos erschien mir diese Frage. Ich war nur froh wegzukommen und nichts, um das ich mich hätte sorgen müssen, zurückzulassen und auch nichts dergleichen entgegenzusehen. Nach einer Weile hob ich einen kräftigen Stock vom Boden auf, der mir als Wanderstab später noch lange ein treuer Gefährte geblieben ist.

Der erste Tag meiner Reise strich im Stillen dahin, golden im Licht jenes Herbstes. Einen Laib Brot hatte ich mitgenommen und da den Wegrand wilde Pflaumenbäume in Hülle und Fülle säumten, musste ich zum Essen keine Pause einlegen. Nie hätte ich auch nur geahnt, dass Brot und Pflaumen zu einem so üppigen Mahl gereichen können. Gegen Abend bereitete ich mir in einem Heuschober ein Nachtlager und da der Tag sich gerade der Dämmerung neigte, öffnete ich die Bibel und las für mich diese Worte:

 

HERR, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz; ich wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind. Ja, ich habe meine Seele gesetzt und gestillt; so ist meine Seele in mir wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter. Israel, hoffe auf den HERRN von nun an bis in Ewigkeit!“[4]

 

und großer Frieden ließ sich herab zu mir, einher mit der Finsternis. Und über mir tat sich, das freie Land überragend, ein Meer von Sternen auf, so sanftmütig und voll verborgenen allerheiligsten Sinns. Irgendwann fiel ich in tiefen Schlaf. Ich weiß nicht, wie lange ich damals geschlafen habe oder wie spät es gewesen sein mag, als ich bis auf die Knochen durchgefroren erwachte. Ein Mond wie ein fetter Wurm schwebte über dem Himmel jener Nacht. Ich fror und hatte Durst. Zunächst einmal richtete ich meinen Oberkörper auf und blickte mich um. Es war eine Nacht wie ein blankgewichster Knochen, in der ich irgendwo verweilen musste. Und wieder, wieder war sich alles gleich und genau so traurig wie kalt und uferlos, weit und breit nichts, das mich hätte aufmuntern können. Nicht weit von mir einsame Bäume, die Pflaumkronen schüttelten ihre Früchte von sich, wollten sie von sich schütteln. Am Feuer sitzend, rief mich Cantemirs[5] Kakodämon[6]:

- Komm setz dich zu mir, das Feuer wird dich aufwärmen und unterhalten können wir uns auch noch.

Es war ein alter, launenhafter Kakodämon. Seinen Schwanz hatte er sich um den Leib gewickelt, jetzt starrte er ins Feuer. Dabei blickte er mich nicht an, als er erneut bemerkte:

- Wir amüsieren uns ja nicht im Geringsten!

Jetzt erst wurde ich wirklich wach, und wie ein faulender und schmerzloser Backenzahn war ich dieser Nacht gegenüber genau so ungewaltig wie sterblich. Ich kroch aus dem Schober, in dem ich mein Quartier eingerichtet hatte, und setzte mich ans Feuer zu ihm. Cantemirs Kakodämon reichte mir einen Schlauch Schwarzwein, den wir beide wortlos tranken, indem wir ihn hin und her gehen ließen. Aus den Augenwinkeln betrachtete ich insgeheim meinen Nebensitzer. Sein Gesicht glich einer verschrumpelten Pflaume, allerdings farblich anders, in etwa wie wenn man Safrangelb mit Ocker und einem Hauch Waschblau mischen würde. Ununterbrochen sah er mich mit einem Auge an, das andere warf er in die entgegengesetzte Richtung, direkt auf das Sternenbild der Cassiopeia, die soeben gleichmütig am Himmel aufgetaucht war. Die Klamotten, die er trug, waren zerschlissen und grünfarben, Kakodämone neigen irgendwie alle zu Grün, warum weiß ich bis heute nicht, außerdem ragten lange, ziemlich dreckige Fingernägel aus seinen Fingern, über die er lauter Zinn- und Messingringe gestülpt hatte. Sein Schuhwerk, ein Paar herkömmliche Stiefel, hatte er abgelegt und so konnte ich ausgiebig seine Hufe bestaunen. Den Schwanz hatte er sich, wie ich bereits erwähnt habe, um seinen Körper gewunden. Mir war jetzt angenehm warm und allmählich wurde ich immer gleichmütiger und schweigsamer. Ihm schien auch nicht groß nach plaudern zumute zu sein, dennoch sagte er:

- Du hast nicht zufällig Tabak?

Ich holte meinen Tabakbeutel heraus und reichte ihn ihm. Denselben nahm er auch und, keine Ahnung was er damit gemacht hat, erkennen konnte ich ihn jedenfalls anschließend nirgends mehr. Ihm ihn zurückzuverlangen hatte ich nicht den Mut zu, daher tat ich eine Zeit lang einfach so, als hätte ich nie so einen Beutel besessen, wobei ich natürlich hauptsächlich immer nur an genau diesen verdammten Beutel dachte, an etwas anderes auf gar keinen Fall. Ich behustete den Verlust und nahm dann wieder einen kräftigen Schluck vom Schlauch. Das Feuer war auf die Glut heruntergebrannt, als ich sagte:

 

 

Er tat so, als hörte er mich nicht, also versuchte ich es erneut, sah ihm geradewegs in die Augen, auch wenn diese Anspannung äußerst ermüdend auf meine Sehmuskeln wirkte, spreizte meinen Blick also bis zum Maximum und sagte:

- Kein schlechter Wein! wobei ich ihn keine Sekunde aus den Augen ließ und Gelassenheit in meine Stimme legte.

Er lachte, was seine Zahnstummel deutlich zur Geltung brachte, und ein Esel, der auf einmal da war, musste genauso lachen, bleckte seine überdimensionalen Beißer nicht minder höhnisch.

Sodann rieselten riesige gelbe Tabakblätter vom Himmel herab, geradewegs auf das noch glühende Feuer, wo sie in bläulichen Flammen aufgingen. Ihr Aroma verbreitete sich in der Umgebung, leicht süß-säuerlich schloss es uns ein. Irgendwann erloschen die Sterne einer nach dem anderen, als uns, die wir wie gelähmt waren, ein kalter Windhauch über die Schultern strich. Erneut labten wir uns am Umtrunk, der uns die Zunge löste. Ich sagte:

- Zu dieser Stunde bringt Ulysses gerade die Freier um, diese verhätschelten und unersättlichen Prinzen.

Der Kakodämon lachte in seinen Bart und holte eine Uhr mit nur einem Zeiger hervor, so ein fensterloses Modell, das er sich ans Ohr hielt und eine Weile daran lauschte, nichts hörte, daraufhin die Uhr schüttelte, die auch jetzt keinen Mucks von sich gab, und er sie angewidert ins Feuer warf, sagte:

- Ja!

Und die Uhr ward sodann ein kohlefarbener tickender Fleck mit einem langen schwarzen Zeiger, der auf der Drei zum Stehen gekommen war. Da klaubte er sie wieder aus dem Feuer und steckte sie zufrieden zurück in seine Tasche.

- Muss wohl irgendwie eingefroren gewesen sein! meinte er. Ja, augenblicklich bringt er diese verhätschelten und unersättlichen Freier um! sagte er, während er sich, seitlich gedreht, auf den Boden zurück ließ.

Aus irgendeiner Tasche zog er einen Zahnstocher aus Gold hervor, mit dem er seine Stummelrillen abkratzte. Flügel-schwingend nahten, schwerfällig, zwei Fauteuils. Der Kakodämon bat mich, noch während er sich erhob, auf einem der beiden Platz zu nehmen, und da ich seiner Bitte Folge leistete, ließ auch er sich nieder. Königen gleich saßen wir da, herrschend über das offene Land.

- Dies ist in etwa die Zeit, sagte er, da die Freier gerichtet werden.

Ein Windhauch kam über uns, die wir ein jeder in seinem vergoldeten Thron weilten, gepeinigt von zänkischen Gedanken.

 

 

2. Die Geschichte über die Freier, erzählt vom Kakodämon

 

Freier sind  ziemlich gehässige Artgenossen, sagte der Kakodämon, indes er, steif in den Fauteuil gedrückt, seinen goldenen Zahnstocher im Mondschein aufblitzen ließ, voller Raffinesse, kusshändisch in ihren Blicken und in ihren Bewegungen wendig wie Schlangen, sagte er, diese Honigmäuler, sagte er. Kein Türkisches Bad, wo man vor ihnen verschont bliebe, sitzen da auf den Beckenstufen und würfeln um Geld, versperren dir den Weg, du sagst Pardon, wie es sich für einen Mann von Welt geziemt, da scheren die sich gar nicht drum, schauen nicht mal vom Spiel auf, dieses parfümierte Gesindel. Du streckst also ein Bein aus, stupst einem von ihnen den Nagel deiner großen Zehe in den großzügig mit diesen verfluchten Duftölen eingeriebenen Rücken, um irgendwie seine Aufmerksamkeit zu erhaschen, während das Wasser etwas siffig und einladend vor sich hin plätschert. So ritzt du eine Weile an ihm herum, genau so gut könntest du aber wohl auch in einer Kirchenmauer mit dickem Putz rumritzen wie in seinem Rücken.

Einmal, gerade war die Uhrzeit von zwölf um eine Stunde vorgerückt, lüstete es mich nach einem Sorbet und einem kühlen Wässerchen, beinahe wäre ich vor Sehnsucht danach geplatzt, so sehr verfolgte mich dieser träge Gedanke auf meinem Weg durch die Randbezirke der Stadt, eine Meute Vorstadtkinder hinter mir her.

- Das ist ja der leibhaftige Teufel! sagte ein Anwohner, der mich näher unter die Lupe genommen hatte, allerdings war es so heiß, dass er sich nicht weiter darum kümmerte, was er  da gesagt hatte, und mich kümmerte’s genau so wenig.

Ich war nach abendländischer Mode gekleidet, was mir insofern von Nutzen war, dass ich mir mit dem Zylinder etwas Luft zufächeln konnte, wenn auch natürlich nie in befriedigendem Maße, schließlich war es eine schmierige Schwüle wie auf einem Basar, das Licht triefte wie weißer Nougat über die Stadt, überzog sie mit einer einzigen klebrigen Pampe. Was auch immer in mich gefahren sein mochte, ich musste jedenfalls niesen und dieses Niesen brannte ein Loch in die Hitzewand und in diesem Loch wiederum tauchte ein fein herausgeputzter winterlicher Grieche auf, der mich zu nichts anderem betören wollte als zu dem, was meinem sehnlichsten Wunsch entsprach, zu einem Sorbet und einem türkischen Bad. Zwei dornige und winzige Robinien zerfetzten mir im Gehen die Kleider, einen Dorn brach ich ab und stachelte damit meinen Griechen an, der daraufhin gefügig seinen Schritt beschleunigte. Unser Weg zog sich endlos dahin, vorbei an verkohlten Baumgerippen und rot schimmernden Kirchen und stinkenden Tümpeln, unter der Decke von Wasserlinsen und Grünalgen in Faulheit versunken. Weiß der Himmel, wo wir hinliefen und woher wir kamen. Das Donnern der Meridionalkanone[7] fegte, die abendländische Uhrzeit verlautend, über die Stadt hinweg. Auf einmal war es vier Uhr geworden und die Sonne hing leicht schief über uns, als Zeichen der wahren Uhrzeit. Wir hatten die Pampa hinter uns gelassen, dicke und schmierige Wirte baten uns zu Tisch, süßliche Aromen umgaben uns von allen Seiten, betäubende Spirituosen, entfesselte Gelüste überflügelten uns, zogen uns in ihren Bann. Dem Griechen dicht auf den Fersen durchschritt ich enge und staubige Gassen.

- Wir sind augenblicklich da! sagte er und sein Blick funkelte triumphierend, als er diese Worte aussprach.

Vorneweg traf uns der Dampf, der aus dem Türkischen Bad stieg, ich straffte meine Augen und erkannte das leicht schief hängende Schild, auf dem in roter und grüner Farbe „Türkisches Bad“ gepinselt stand, oberhalb eines aufgemalten schwitzenden Dickwanstes, der uns einen gelben und freudestrahlenden Blick zuwarf. Ich trat so nahe wie möglich ans Schild heran und kratzte mit dem Fingernagel an diesem gelben Blick herum, um ihn dabei genauer zu untersuchen. Da tat der Dickwanst den Mund auf und sagte:

- Herzlich willkommen! worauf aus seinem Mund, nachdem er dies gesagt hatte, ein Auge wuchs, das uns gutmütig betrachtete.

- Treten wir ein! meinte der Grieche und Schweiß durchlief kalt meinen Leib.

Irgendwo abseits war die Sonne auf die Größe eines Kindertotenschädels geschrumpft. Der Dickwanst an der Wand lachte vor Heißhunger auf Pilaw und sagte, während ihm das Wasser im Mund zusammenlief, erneut:

- Herzlich willkommen!

Schief glänzend neigte sich das Schild uns zu, seine Buchstaben verschmolzen, rot und grün wie sie waren, in meinem Geist, fügten sich zusammen: „Türkisches Bad“, las ich. Der Dickwanst Trimalchio nickte zustimmend mit dem Kopf, woraufhin sich eine träge Tür gen uns auftat. Über Malachitplatten schritten wir durchs kühle und ewige Halbdunkel. Dünner und aromatischer Rauch umhüllte uns schwebend und jemand, der, eine Nargileh vor sich, im Türkensitz vor sich hinpaffte, meinte:

- Ich bin hier der Besitzer!

Dies freute mich natürlich, dass er der Besitzer war, weshalb ich entgegnete:

- Das freut mich!

Das Plätschern des Wassers drang von irgendwo aus der Ferne zu uns. Mein Grieche hatte sich wohin auch immer verzogen, alles war mir bereits egal, als ich sagte:

- Ich würde gerne ein Bad nehmen!

Verwundert sah mich der Mann an, erhob sich dürr und lang und meinte mit ausdrucksloser Stimme:

- Auch das soll mir recht sein! wobei auf sein Klatschen zwei Fettsäcke ankamen, die mich unter den Achseln packten und abschleppten. Am Wasser angelangt, verpassten sie mir einen Stoß, dass ich glaubte, eher in einen Pferdetrog als ins Becken zu fliegen. Einer der beiden warf mir noch ein ziemlich abgewetztes Buch zu mit den Worten:

- Lies das, damit dir die Zeit nicht zu lang wird!

Das Buch schwamm auf dem Wasser, hatte sich im Flug geöffnet, so dass ich, als ich es zu mir heranzog, lesen konnte: „Auch tat er aus dem Lande, was noch übrige Hurer waren, die zu der Zeit seines Vaters Asa waren übriggeblieben.“[8]

Und des Weiteren:

„Er diente Baal und betete ihn an und erzürnte den HERRN, den Gott Israels, wie sein Vater tat.“[9] Welch Balsam für meine Seele waren doch diese Worte, da allerdings das Buch auch schon im Wasser versank, bis es nicht mehr zu sehen war. Erheitert vom soeben Gelesenen, wanderte ich quer durchs Wasser, das mal warm und mal kalt war, und ließ mich schließlich dort, wo es eher warm, auf den Stufen nieder, um ein Nickerchen zu machen. Als ich erwachte, herrschte chaotischer Lärm, dessen Ursache sich allerdings nicht näher ausmachen ließ, sowie angenehme, sich im Raum ausbreitende Dunkelheit, und sobald ich des Plätschern des Wassers gewahr wurde, fiel mir wieder alles ein, was geschehen war und wo wir hier überhaupt waren. Ein bleicher Fettklops hüpfte um mich herum, ja legte sich sogar neben mich und geriet vollends außer sich, als er einmal meinen Schwanz erblickt hatte, den er unablässig begaffte, schließlich sagte:

- Darf ich mal dranfassen? und tatsächlich eine Hand wie ein kleiner Kürbis nach meinem Schwanz ausstreckte. Weiße Kleckse, Lichtgestalten planschten um mich herum, kicherten wie von Sinnen, grünlich und irr. Der Fettklops neben mir seufzte wie jemand, der einen zu großen Happen einer Leibspeise verschluckt hat, und sagte:

- Jetzt wart doch mal, ist doch schließlich kein Weltuntergang!

Ich stand auf und wedelte ihm mit meinem Schwanz vor der Nase herum, und das gefiel ihm offenkundig über alle Maßen, denn statt weiß wurde er jetzt rot und stieß dabei einen Schrei wie ein vom Schlachtmesser getroffenes Rind hervor. Der Tumult um mich herum war angewachsen und alsdann erhob ich mich mit einem Satz über die ganze Meute, das Dach öffnete sich vor mir, so dass ich bald in der Mitte des Weges im Staub aufkam, wo sich das von mir strömende Wasser ansammelte, immer mehr und immer übler riechend, bis es zum riesigen Sumpf ward, der mich schlaftrunken vom Erdboden zu verschlucken drohte.

 

 

3. Der Streit der Pandidascalen

 

Zum Ende hin umgab uns ein Morgen, geschaffen wie aus Alkohol, blass und erhaben saßen wir in unseren Fauteuils, unerbittlich. Die Frische der Nacht sowie ihr Tau hatten sich in unseren Augenhöhlen gesammelt, frei von unerfüllten Begierden waren wir damals unter dem freien Himmel. Erfrischende und natürliche Vögel die Gedanken, sie umschwirrten uns nicht länger besinnungslos. Ein ultramariner Himmel lastete auf uns, von einer anderen Welt, einem anderen Leben, anderen Begebenheiten.

Die Burg bündelte sich rötlich in unserem Blick. Wir schritten durch enge Straßen, marode Hunde warfen uns feindselige Blicke zu, um die wir uns nicht scherten, sondern, indem wir weiterliefen, die Welt vor uns her schoben. An Brüste erinnernd, hießen uns vom Himmel her konfuse Türme willkommen. Die Turmuhren begannen plötzlich, eine ewige Stunde zu läuten:

- Es ist Zeit! sagte der Kakodämon. Gehen wir!

Ich folgte ihm, bis wir bald auf einen ringförmigen Platz mit mehreren von Drachen und Chimären bevölkerten Springbrunnen gerieten. An einem Gebäude, groß wie ein Rathaus, flatterten Fahnen in großer Farbenvielfalt. Wir mussten einen Springbrunnen umgehen, um zu eben diesem Gebäude zu gelangen. Niemand empfing uns, den Kakodämon schien dies aber kalt zu lassen.

Der Pandidascalen-Kongress hatte bereits angefangen, als wir eintrafen. Ein Mann mit einem trichterförmigen Sprachrohr brüllte etwas von der Tribüne herab und die allesamt älteren Herren justierten ihre Hörrohre je nach dem, wie sehr der da oben auf der Tribüne gerade in Wallung geriet. Cantemirs Kakodämon winkte mir, ihm zum Tisch des Präsidiums zu folgen, wo wir uns zu vier mürrisch dreinblickenden Kakodämonen setzten, die das Ruder hier in der Hand hielten. Ich setzte eine möglichst finstre Miene auf und begann der Veranstaltung zu folgen. Der Typ mit dem Sprechrohr brüllte ununterbrochen irgendein mir völlig unverständliches Zeug; da ihm aber alle zuzuhören schienen, versuchte auch ich es ihnen gleich zu tun, die längste Zeit jedoch ohne Erfolg. Viel mehr zogen mich die Bahnen, die die Anwesenden mit ihren Hörrohren zeichneten, in ihren Bann. Nach einer Weile dämmerte es mir dann doch allmählich wie durch sich lichtenden Nebel hindurch. Es ging um die Bohnensorte, welche die Griechen Kyamos nennen und deren Verzehr Pythagoras mied. Und außerdem darum, wie sehr er, Pythagoras also, Köche und Jäger und Zugochsen und Schafböcke verabscheute. Ein Teil der Pandidascalen ließ ihre Hörrohre einen Moment aus der Hand und applaudierte, der Rest visierte eisig die Tribüne. Als sich der Beifall gelegt hatte, erbat ein greiser Pandidascalus, dem der Speichel aus den Mundwinkeln floss, das Wort, welches ihm die Kakodämonen vom Präsidium auch erteilten. Er bestieg das Podium, holte aus irgendeiner Tasche eine porzellanene Prothese hervor, die er sich umsichtig in den Mund einführte. Nachdem er sie fixiert hatte, trank er ein paar Schluck Wasser aus einer Karaffe und leitete seine Rede dann mit diesen Worten ein:

- Pythagoras war zuallererst einmal Aithalides, der Sohn des Hermes, dann war er Euphorbos, dann war er Hermotimos, dann war er Pyrrhos, der Fischer aus Delos, erst danach, nach diesen allen, war er Pythagoras. An dieser Stelle verschluckte er sich und brachte vor Husten längere Zeit kein Wort mehr heraus, hustete jedoch so gekonnt, dass alle glaubten, er hätte längst fortgefahren, und nickten somit zustimmend und klatschten, als er zu Ende gehustet hatte, diesmal allerdings lediglich die andere Hälfte der Pandidascalen. Entgegen meiner Annahme war er noch nicht fertig, er sagte nämlich:

- Und nun lasst uns sehen, was Iamblichos dazu zu sagen hat.

Worauf er begann, die Feier zu beschreiben, welche Pyrrhos, der Fischer aus Delos, zu Ehren seiner zweitgeborenen Tochter und ihres Bräutigams gegeben hatte, ein Mann namens Brontinus, Vertrauter des Tyrannen Polykrates, im Jahre, da die Bohne Kyamos allen eine reiche Ernte beschert hatte.

Von einem Augenblick auf den nächsten zog der Winter bei uns ein; unterdes der alte Pandidascalus seine Rede hielt, riss der Wind fröhlich die Fenster auf, sanken weiße Flocken auf uns nieder, bis Schneegestöber unseren Blick ausfüllte. Ich schaute zu. Dicke Eiskristalle überfluteten den Ringplatz und ein ewiges Licht rieselte immer und immer wieder aus dem Himmel herab. Davon unbeeindruckt fuhr der Pandidascalus fort:

- Aber was ist das für eine Bohne, welche die Griechen Kyamos nennen?

Er klatschte in die Hände, worauf zwei Diener eine riesige dampfende Schüssel hereintrugen, die sie mit einem Riesenlöffel daneben vor ihm abstellten. Den Riesenlöffel steckte er in die Schüssel, sabberte lauthals, dann begann er, ohne sich sonst noch um irgendwas zu kümmern, loszuessen.

Zwischen zwei Happen bemerkte er:

- Göttlich ist sie!

Seine Anhänger applaudierten emphatisch. Hulpav, so hieß er, hatte bald die Schüssel bis auf den letzten Rest geleert, was er mit einem zufriedenen Rülpser bezeugte, um alsdann zu sagen:

- Pythagoras tat es nicht anders!

Ein weiterer Pandidascalus legte sein Hörrohr beiseite und empfahl sich, auf die Tribüne getreten, dem Publikum als nichts geringeres als Doktor der Medizin und in dieser Funktion autorisiert, eine längliche Röhre hervorzuziehen und sie dem verehrten Kollegen, der soeben die Kyamos-Bohnen zu sich genommen hatte, auf den Bauch zu setzen und in dieser Position, die Geschehnisse im Wanstinneren abhorchend, etwas zu verweilen. Anschließend nahm er ihm den Puls ab, untersuchte seine Zunge, die der Redner folgsam so weit wie möglich hinausstreckte, und erklärte ihn schließlich für kerngesund. Hurrarufe wurden laut, unterdes die unterlegenen Pandidascalen mit finsteren Mienen den Saal verließen.

 

 

4. Das Bankett der Pandidascalen

 

Das Bankett wurde gegen acht Uhr abends im Salon des Rathauses feierlich eröffnet. Jemand hatte das Schneegestöber anhalten lassen und der Ringplatz samt all seiner Springbrunnen wurde nun von tausenden Fackeln illuminiert. Die Brunnenchimären führten einen anmutigen Tanz auf, während dessen sie den Schnee wie ein Feuerwerk in die Höhe wirbelten, musikalisch untermalt von ihrem eigenen Gesang, der den triumphierenden Pandidascalen zu Ehren angestimmt wurde. Hunderte von Kutschen in jeder erdenklichen Farbenpracht brachten die Pandidascalen von überall dort herbei, wo es ihnen im Sinn gestanden sein mochte, sich bis zum Beginn der Feier aufzuhalten, und fuhren mit ihnen vor der Marmortreppe des Rathauses vor, die zwei in Livree gekleidete Diener unablässig vom durch die Wagenräder aufgestobenen Schnee befreiten. Eine große Traube friedlicher Bürger jener Stadt drängte voll Neugier zum Ringplatz vor und unter ihrem heißen Atem fing der Schnee bald an zu schmelzen und sich in winzigen Pfützen zu sammeln, die silbern schimmerten. Ständig trafen neue Gäste ein und als sich die Kakodämonen, die den Kongress geleitet hatten, der Menge zeigten, die sie alsbald erkannte, wurden sie mit Jubelrufen und Beifall begrüßt. Die Bejubelten wedelten im Gegenzug zum Zeichen des Danks mit ihren Schwänzen, unterdes Ordnungshüter ihnen mittels kurzer, mit Beulen versehener Knüppel eine Schneise zum Passieren frei räumten. Ein halboffizieller Maler fertigte in aller Eile eine Federzeichnung an, auf der das Rathaus sowie die vier mit den Schwänzen wedelnden Kakodämonen leichthin zu erkennen waren. Ihm wurde der Pandidascalus Silberorden verliehen, nachdem er zum Ehrenritter der Stadt ernannt worden war. Die Chimären sangen zu seinen Ehren eine kurze Lobeshymne, anschließend überließ man ihn wieder getrost seinem Schicksal.

 

(Aus dem Rumänischen übersetzt von Peter Rösch,
unter der freundlichen Mithilfe von Gerhardt Csejka)



[1] Anm. d. Übers.: Johann Amos Comenius: Pampaedia – Allerziehung. Übers. v. Klaus Scahller. Sankt Augustin 1991. S. 122

[2] Anm. d. Übers.: vgl. Johann Amos Comenius: Pampaedia – Allerziehung. Übers. v. Klaus Scahller. Sankt Augustin 1991. S. 125

[3] Anm. d. Übers.: Johannes 5,1-9

[4] Anm. d. Übers.: Psalm 131 (Lutherbibel 1912)

[5] Anm. d. Übers: Dimitrie Cantemir, 1673-1723, berühmter rumänischer Gelehrter und Fürst

[6] Anm. d. Übers: von griechisch κακοδαίμων (kakodaimōn), böser Geist

[7] Anm. d. Übers.: Eine Sonnenuhr, die im 19. Jhd. auf dem Bukarester „Dealul Metropoliei“ stand und um die Mittagszeit an eine Kanone einen Impuls leitete, der zur Explosion führte.

[8] Anm. d. Übers.: 1. Könige 22,47

[9] Anm. d. Übers.: 1. Könige 22,54

 

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This July, The Observer Translation Project leaves its usual format to present a special CRISIS ISSUE. Things are tough all over. Hard Times suddenly feels like the book of the moment. The global economic crisis impacts life as we know it, and viewed from Bucharest the effects reverberate in domains that include geo-politics and publishing in Romania and abroad, with the crisis at The Observer Translation Project as an instance of a universal phenomenon. read more...

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