Die Blinden

Leuchtkörper, Kapitel II

Stelian Tănase | September 30, 2008
Translated by: Laura Balomiri

 

Die Blinden

Sie trägt Minirock und Brille. Sie ist kurzsichtig. Sie hat den Schlüssel zu deinem gemieteten Zimmer. Sie rollt das R auf natürliche Weise und steht nicht an Bushaltestellen herum, sie kann sich ein Taxi leisten. Sie strahlt, sie zwingt dich mit einem Lächeln in die Knie. Sie sagt ganz zwanglos, dass sie dich liebt. Sie legt sich neben dich aufs Leintuch. Sie beschafft Konzertkarten fürs Athenäum. Sie führt dich aus, wenn du dich langweilst, sie zeigt dich her wie ein Ausstellungsstück. Sie bringt dir eine Tasse Tee, wenn du am Klavier arbeitest und leert den Aschenbecher, sie geht auf Zehenspitzen und dreht den Schlüssel langsam im Schloss um. Sie informiert dich plötzlich, dass sie heute Abend nicht zu dir kommt, sie ist eine ehemalige Musterschülerin, sie begleitet dich zu Eishockeyspielen ins Eislaufstadion und ruft ganz laut, sie ist grausam, Gewalt erregt sie. Sie heult bei Filmen und freut sich über die Tränen, sie schlingt ihre Arme um deinen Hals und will, dass du ihre Haare riechst. Sie sitzt im Polstersessel und strickt und sieht dich schweigend an und hört den Schumann-Akkorden zu, sie bringt seltene Platten mit, sie glaubt kein Wort von dem Unfug von übervollen Konzertsälen, den du ihr erzählst, du bist ein geduldiger Lump, du schweigst zu viel. Sie steckt voller Leben, sie kauft nicht beim Bäcker ein, sie ist anspruchsvoll und kalt, scheint zwischen den Passanten zu schweben, sie bewundert sich in den Schaufenstern der Apotheken. Sie liebt Strände und hasst den Schnee und die Kälte und den Norden und den Bukarester Matsch im März. Sie ist intellektuell, berechnend, sie schmiegt sich an dich wie eine Katze, sie macht Fehler, sie erfindet sich neu, wie Madame Bovary. Sie hat dich irgendwo aufgelesen, sie ist dein Krankenpfleger und dein Baldrian, sie ist dein Pornofilm, sie ist auch dein Resonanzkasten. Sie ist unersetzlich. Sie atmet auch für deine Lunge, sie zieht dir den Krawattenknoten fest, wenn sie dich zu einer anderen Familie auf Besuch mitnimmt, sie schläft lange, wenn sie bei dir übernachtet, sie hat dich mit ihren plötzlichen Hassanfällen und dem Quatsch, den sie erzählt, völlig durcheinandergebracht, mit den wiederholten Trennungen, mit ihren Sorgen über deine Konjunktivitis und dein Herumalbern, wenn dir eine Improvisation gelungen ist. Sie ist deine einzige Tanzpartnerin, sie verachtet die Extrawurst-Schnitte, die Yoghurtgläser, die Bonbons. Sie eifersüchtelt wegen des Klaviers, das sie eines nachts in tausend Stücke zerschlagen wird, sie ist wutentbrannt und hat eine ergebene Verwandtschaft, sie ist die arme Verwandte einer weit verzweigten Familie. Lauter Leutnants und Direktoren und sogar ein Minister. Sie schüchtert dich mit ihren Allüren ein, du scheinst ihr dumm und gefügig und warum schweigst du so viel, sie ist die Frau deines Lebens. Sie überdeckt dich mit Küssen, sie ist unverfroren. Sie ist ein Hippie, sie ging barfuß in eine Matinee, ohoo, wie sich die Gutbürger im Foyer mit den Ellenbogen gegenseitig anschubsten. Sie hat immer etwas zum Essen in der Tasche und füttert die Katzen des Wohnviertels, sie summt das Beatles-Repertoire wie ein Gebet vor sich hin, sie hat Bilder mit Paul mit Ringo mit George mit John, sie hat in ihrer Familie Geigenunterricht genommen, hat’s dann aber aufgegeben. Beide seid ihr äußerst musikalisch, schlaftrunken, frustriert. Sie kann Zigarettenrauch nicht ertragen und ist ein Waisenkind und hat eine stenotypierende Mutter in einem Kopierladen, sie gibt Nachhilfestunden und verdient Geld, sie ist beschäftigt, sie starrt wie gebannt auf das Zifferblatt einer Uhr, sie hat einen Terminkalender, sie führt endlose Telefongespräche, sie hat zwei Paar Jeans und eine beige Cordhose, sie trägt Armbänder und Ohrringe und Weißblechringe, sie ist scharf darauf, sich ein Kleid vom Designerverband zu kaufen, sie ist freundlich und hat einen Selbsterhaltungsinstinkt, sie macht einen tiefen Eindruck, sie bummelt tagsüber lange durch die Stadt und büffelt nachts für ihre Prüfungen. Sie steckt ihre Hände in deine Taschen und du erlaubst es und ziehst sie an dich heran und reibst deine Wange an ihrer Schläfe, sie trägt keine zu hohen Absätze und liebt Süßigkeiten, sie ist verwöhnt, sie faselt kindisches Zeug daher, sie ist spaßig und schweigt manchmal vor sich hin, dass dir Angst und Bange wird. Sie eilt im Zimmer hin und her, findet eine Beschäftigung, zupft die Fransen des Vorhangs zurecht, flickt eine Socke, pinselt mit Wasserfarben auf einer Pappe herum, das bist du, und hängt dann dieses hässliche Gekritzel an die Wand, sie schmollt. Sie reißt dir die Kleider vom Leib und zerrt dich ins Bett. Sie zieht die Bettdecke auf den Teppich runter, sie beißt dich, sie macht das Licht aus, sie umzingelt dich mit der Glut ihres Körpers, sie atmet an deinem Ohr, seufzt, will, dass du dich beeilst, sie schält dich wie eine Banane, runter mit der Kleidung!, befiehlt sie dir. Sie lässt sich im Dunkeln unter deinen diffusen Schatten sinken, sie schnüffelt an dir herum, sie ist ungeduldig, du schweigst. Sie streckt dir eine Schulter, eine Brust entgegen und lacht kaum hörbar, sie liebt dich, sie ist gierig, sie ist pervers, sie hasst dich, sie ist grausam, sie keucht und verlangt von dir, dass du ja nicht aufhörst, du Faulpelz. Sie verliert dich, du spürst, dass sie sich von dir entfernt hat und Selbstgespräche führt, dass du sofort stirbst, Minuten, in denen ihr füreinander nicht mehr existiert. Sie ist die erste, die ins Leben zurückkehrt, sie streift sich mit den Fingern durchs Haar, läuft ins Bad, zieh dich ja nicht an, du Faulpelz, warte auf mich, du siehst sie durch die halb offene Tür, wie sie sich im Spiegel betrachtet, sie summt einen Beatles-Schlager all we need is love love love love sie läuft splitternackt durchs Zimmer, begleitet von lovelovelovelovelove. Sie lobt dich, du taugst doch zu etwas, sonst kann man mit dir nichts anfangen, ich frag mich, was ich in dir gesehen habe? Sie steht am Fenster, versteckt sich hinter den Gardinen, damit sie die Nachbarn nicht sehen. Du willst dir eine Zigarette anzünden, sie verbietet es dir, sie kniet neben dir, du hörst im Dunkeln, wie sie ihr Haar mit einer Spange zurücksteckt, klick, du ahnst, dass sie dich eines Tages verlassen und vergessen wird. Du sagst es ihr, sie schweigt, sie führt die Hand zum Mund, sie weint, über dich ausgebreitet. Du liebst sie erneut, fast wütend, grausam, versuchst, dich an etwas festzuklammern, den Augenblick festzuhalten, du presst ihre Schultern zusammen, wir schwinden dahin, Pia, wir schwinden dahin. Sei still, bitte.

            Es scheint, als würde nur noch ihr Körper dich davon abhalten, dich in der künstlichen Nacht des Zimmers aufzulösen. Ihre fahl schimmernde Haut hält dich davon ab, hinüberzugehen und dich vors Klavier zu kauern. Ihr Keuchen erhält deine Intaktheit, sie ist weiter entfernt von der Realität als du, aber konkreter, lebendiger, du Knochenmann. Sie erstarrt, das Telefon läutet, lass es, um Gottes Willen. Du willst, dass ihr euch in diesem Augenblick der Angst verewigt, sagst es ihr nicht, es wäre absurd, alle Paare belügen sich in gleicher Weise. Du siehst das Bild von Milliarden Paarungen in einer Wolkenlandschaft, verkoppelte Wesen, die den ganzen Himmel bedecken. Sie will sich nicht aus der Umarmung lösen lassen, sie schlägt dir mit den Fäusten auf die Brust, sie sagt: wir haben kein Recht, so glücklich zu sein, du wirst sehen, wir werden dafür büßen müssen!

Ihr werdet nie sterben, sie ist das Eichhörnchen und du eine faule, schweigsame Schildkröte. Du bist auch noch eine Bestie, oh, brute chérie. Sie lockt dich aufs Leintuch, indem sie ihr zauberhaftes Haar ausbreitet. Sie gibt sich dir hin, sie gehört allein dir; sie, Schenkel und Sommersprossen plus Brille und stückweise ausgeborgte Philosophen Husserl und Sartre, wir sind zur Freiheit verurteilt, der andere ist das Inferno, du bist mein Fegefeuer, Bestie, ich hab dir gesagt, dass du eine Bestie bist und hab auch noch eine Masche im Pullover übersprungen, sie strickt dir euren ersten Pullover, nach eurem ersten Jahr, die erste Liebesnacht im Lärm einer Waschmaschine aus der Nachbarschaft. Es war nicht einmal Nacht, ein Nachmittag und ein Abend in einem entfernten Stadtviertel in einem fremden Haus, neben dem Bild trocknender Wäsche, im Geruch von Kaffee und Parkettwachs, die Schneelandschaft im November, es ist der erste Schnee, den ihr gemeinsam erlebt, ihr steht eng umschlungen in der Türschwelle, der Ofen brennt, die Fenster sind beschlagen, es schneit zerbrechlich, kaum hörbar, es schneit ganz sacht. Eine traurige, verrottete Maschinerie, die die Dächer herabrollt. Sie schweigt, in deine Schulter vergraben, auf jenem Balkon, der als Abstellkammer diente, du Gauner, versprich, dass wir Schlitten fahren gehen. Und es schneit in der Landschaft der Peripherie, bedeckt die Telefonkabinen, die Durchgänge, der Schnee wächst wie ein Wunder auf den Gehsteigen, die Passanten dieses Ozeanbodens schwimmen schweigsam vorbei und bewegen langsam ihre rosabraunen Flossen, richten schwerfällig ihre hervorquellenden Augen nach oben. Und der Schnee fällt herab, vergräbt Karosserien und zerkaut sie im Untergrund, die Straßenlichter bleiben den ganzen Winter über an. Hinter den Fenstern geschützt, hört ihr euch deine zerkratzten Platten an; sie hantiert in der Küche, du klimperst am Klavier herum. Sie schwebt zwischen Gurkengläsern, sie sticht sich in den Finger, wenn sie näht, sie verirrt sich in der Unmenge von Utensilien, der Fleischwolf gravitätisch in Ziegelrot, der pharmazeutisch glänzende Herd, die Regale der Kammern, die an den Wänden hängenden Töpfe, die Gläser mit eingemachtem Gemüse, die von geräuchertem Speck beschwerten Seile. Sie hat Verwandte auf dem Land, die Verwandten haben ansehnliche Bauernhöfe. Sie ist die einzige Studentin, ein Waisenkind und wird geliebt. Ihr geht gar nicht aus dem Hause, die Semesterferien, eure ersten, vergeudet ihr mit der Beobachtung dessen, was draußen vor sich geht, zum Schlittenfahren kommt ihr nicht, kaum, dass du Brot holen gehst, Kaffeepulver, Zigaretten, Wodka, und Anfang Februar drei Kartoffelsäckchen. Für dich ist es ausreichend, dass sie existiert, dass die Zeit nicht mehr nur halb vergeht. Sie liebt dich, sie ist zärtlich, anschmiegsam sogar, sie sieht den ganzen Abend fern, sie mag es, sie vergisst dich, unterbrich sie nicht, wenn sie einen Film schaut und lacht - ein fremdes Lachen - oder wenn sie weint und du eifersüchtig bist auf jenen Star, der ihr die Tränen in die Augen treibt - wenn sie ununterbrochen darüber redet, was zum Teufel mit dem einen oder anderen geschieht - wenn sie dich, vom graublauen Saugnapf verschluckt, vergessen hat. Du lässt ihr ihre Ruhe, du wachst über sie, du beobachtest sie aus den Augenwinkeln, so einfach kann sie dir jemand wegnehmen, sieh sie an, fremd, außerhalb eurer Geschichte. Nachdem sie den Knopf abdreht, erinnert sie sich an dich, pff. Missmutig brät sie Brotscheiben, die sie vorher in Eigelb gewendet hat, fischt Grammeln aus dem Schmalz, kocht Tee, will die Stunde, in der sie dich vergessen hat, zurückgewinnen. Du vertiefst dich im Lesen von “Krieg und Frieden”, sie mag die Klassiker nicht, Dostojewski       und die anderen, ein wenig Tschechow, Gogol ist ein Blödmann, du bist antiquiert, mein Lieber, reif für den Müllkorb, wenn wir überleben, wenn wir in diesen Landschaften und ihren Gerüchen überleben, wenn wir überleben, Sandu, wenn ehee, was ist, wenn unsere Liebe stirbt, erlischt, lass uns Selbstmord begehen, solange wir noch glücklich sind. Zack, ihr Seifenopernbild läuft wie am Schnürchen, sie sieht sich von einem elisabethanischen Autor beschrieben, von den Zeitungen zur Unsterblichkeit erhoben und unbedingt von den Blicken der anderen verfolgt. Sie ist eitel, sie wäre gern Tänzerin geworden, von Bewunderern umringt und bewundert, vorläufig gebe ich mich mit dir zufrieden, einem armseligen gescheiterten Pianisten, der kaum über die Runden kommt, indem er als Korrepetitor beim Gewerkschaftschor spielt. Sie lacht, umarmt dich schnell, damit du nicht dazu kommst, etwas zu sagen, und du magst es nicht, erahnst eine Bedrohung, einen geheimen Gedanken. Sie würde gerne von dir nackt abgelichtet werden, sie sieht himmlisch aus, wenn sie ihre Wäsche in alle Ecken der Einzimmerwohnung wirft und sich einen ganzen Tag lang weigert, etwas anzuziehen; wenn ich mal eine alte Hexe bin, werde ich vor Scham auch zuhause meine ganze Garderobe anziehn. Du gestehst es ihr nicht, dass du sie gerne fotografieren würdest, wenn man die Fotos irgendwo entwickeln könnte, so aber bleibt ihr Körper ein dir eigenes Geheimnis, ohne fremde Blicke. Sie schweigt manchmal, ganz in ihre Vorlesungen vertieft, büffelt für ihre Prüfungen, würde dir gerne Hegels Philosophie beschreiben, die Idee, die sich unversehens in die Natur einschleicht, das Soziale ergreift und Geschichte schreibt, um dann kehrt zu machen und sich selbst in der eigenen Realität wiederzufinden, aber du bist ein Dummkopf, geh zurück zu deinem vereinsamten, kranken Schumann. Abends erzählt sie dir von der Gnade, wie sie bei Pascal beschrieben wird, an einem sonnigen Sonntag von Bacons Idolen der Tribüne, des Theaters, der Höhle ... ohne Unterbrechung geht sie zum Ding an sich über, sicherlich, die minutiösen kalten kohärenten Kantianer, es wird dir übel dabei. Du hörst ihr zu, sie erweckt in dir eine Art Ehrfurcht, wie viele Worte man über nichts verlieren kann! Sie erinnert sich schmerzlich an die Abwesenheit ihres Vaters, manchmal erzählt sie von den Provinzstädten, in denen sie aufgewachsen ist, die Männer ihrer Mutter hatten Vorrang vor ihr, unzähligen Szenen musste sie beiwohnen. Das hat sie empfindlich gemacht; sie braucht Liebe, sie muss beschützt werden, keiner soll sich in ihre Gefühle einmischen, vor allem kann sie ohne Liebe nicht leben. Die Abwesenheit eines wahren Vaters quält sie, sie stellt sich seine Stimme vor, seine männlichen Gesten (das alles sucht sie in dir, ob du ihm wohl ähnlich bist?), sie träumt von einem Schildchen an der Tür, das bezeugt, dass in der Wohnung eine heile Familie lebt, dass es jemanden gibt, der sie beschützt, dass sie nicht schweigen muss, wenn jemand fragt, bei wem sie die Füße untern Tisch steckt. Mein Vater ist tot. Das ist sein Beruf, seit ein Lastwagen ihn auf der Landstraße zu Brei gemacht hat.

            Die Abende sind lang. Mit eiligen Gesten räumt sie ihre Sachen auf, sie hat frenetische Putzanfälle, sie schickt dich fort, kehrt, staubt ab, regt sich auf, kann dich nicht mehr leiden, schmeißt die Wäsche in die Badewanne, fängt an zu waschen, singt die Romanzen, die sie bei ihrer Mutter gehört hatte, du bist überflüssig, lässt den Deckel des Pianinos zufallen, kauerst dich in eine Ecke oder noch besser, du machst dich aus dem Staub, um Zigaretten zu holen, sie stellt frenetisch die Wohnung auf den Kopf, stellt alles um, befiehlt dir, den Teppich zu klopfen, Parkettöl zu holen, dich endlich wieder mal zu rasieren, zu den Nachbarn höflich zu sein, gefälligst Guten Tag zu sagen, du senkst nur den Blick und gehst an allen vorbei, du solltest dich ein bisschen pflegen, du Drecksack. Sie überzieht das Bett neu, stellt Wasser zum Kochen auf und reißt die Fenster weit auf, bis es kalt wird, so kalt, dass euch im Gespräch die Zähne klappern und ihr lachen müsst. Sie zuerst. Später sagt sie, die neue Einrichtung beäugend, ich werde Überzüge und Gardinen in passendem Farbton zuschneiden, wir werden Gäste empfangen, jetzt sind wir zu arm dazu, ich hätte so gerne, dass wir Hauskleider hätten - sie unterbricht sich, um eine schief sitzende Porzellanfigur auf dem Nachtkästchen zurechtzurücken - dass wir knistern vor lauter Bügelstärke, ich hätte so gerne, dass es um uns herum lärmt und rummelt, weißt du, manchmal macht mich die Einsamkeit müde, ich denke mir, dass ich dich auf diese Weise behalten kann. Du, Sandu, magst keine Menschen um dich, du hast Angst vor ihnen, du versteckst dich in deiner Musik und verzichtest auf den Rest, ich kann das aber nicht. Sie beschreibt dir begeistert eine soziologische Untersuchung, an der sie teilgenommen hat, sie hat außerordentliche Situationen und Menschen erlebt, einen wunderbaren Kerl, Professor Dionisie; ein Semester lang hatte sie eine Beschäftigung, hat sich nicht gelangweilt, dann kamst du, was hast du in meinem Leben zu suchen, summt sie ihm einen Schlager vor.

            Wir werden reisen, oder?! mit den Pässen wird’s mit der Zeit einfacher werden, wir werden Geld haben, wir werden die Konsignationsgeschäfte nach seltenen Gegenständen durchforsten. Wir werden gemeinsam in den Kleinanzeigen die Rubrik Tote und Verwundete lesen, zerquetschte totgesagte Hunde, Ausweise ebenso, die Rubrik der Schnecken und Schmetterlinge, die Rubrik für Pilzzüchter, für Uhren- und Etikettensammler, die Rubrik der Trennungen und Verlobungen, ich meditiere über das Himmel-und-Hölle-Hüpfspiel und über die Versuchung, ich beschreibe minutiös die Wolken und Enzyklopädien, erzähle den im Alter fortgeschrittenen Damen und Herren sympathischen Schwachsinn, mache den Dicken und Lahmen den Hof, suche gute Partie. Sie werden gleichgültig in Jahrbüchern blättern, wir werden uns vermehren. Sie werden Kinder kriegen, wir werden uns nicht trennen, es ist doch ein Verbrechen, die Kinder eines Elternteils zu berauben. Ihr stammt beide aus zerbrochenen Familien, erklärt sie, während sie mit einem Bleistiftstummel im Mund durchs Zimmer rotiert, wir wissen, was der Mangel eines Zuhauses bedeutet. Blablablabla, du hörst ihr nicht wirklich zu, wenn sie didaktisch wird, döst du weg, lässt die Augenlider sinken und gleitest in einen bangen Schlaf. Im bleichen Licht der mit Zeitungspapier beschatteten Tischlampe raschelnd, bildet sie sich ein, dass du ihr mit den Blicken folgst, und dir geht eine schwierige Liszt-Passage durch den Kopf. Wir würden jeden Morgen frische Blumen kaufen, eine Sächsin für den Haushalt einstellen, ich mach dir Buben, du Lump, wir würden in einem ruhigen Viertel eine Wohnung kaufen, nie würden uns die Orangen fehlen, und dann die Freunde, die Auslandsreisen, wir werden anständig leben, ewiglich unsern Schuldigern vergeben, wir werden gütig sein, uns nie streiten. Während sie Proklamationen ausposaunt, nickst du ruhig, hörst du mich oder bist du schwerhörig? Ich bestätigte, mmh, komm ins Bett. Draußen schneit es schwerfällig, seidige Vorhänge fallen über die Landschaft, die erfrorene Wäsche auf den Wäscheleinen beschwert sie. Ein paar Leute warten auf ihre Gasflaschen, eine bläuliche Abenddämmerung, lebendige Schlittschuhläufer, die am linken Fenster vorbeiziehen, der leer stehende Sodawasserladen. Was meinst du, gibt es einen Gott?! fragst du sie. Sie kichert charmant, drückt mit dem Finger ein H-Moll, naja, drückt mit dem Finger ein G, dann schnell ein D, ich glaube nicht. Gut, aber irgendwas hält diese Welt zusammen, spürst du das nicht? wenn ich nachts Milch holen gehe und diese dunkle Kälte erlebe, erahne ich eine fremde und kraftvolle Präsenz in unmittelbarer Nähe, wenn es sie nicht gäbe ... Schwachsinn! Auch wenn es Gott nicht gibt, sind wir nach wie vor sterblich! sagt sie und schlägt den Deckel des Pianinos mit einem Knall zu. Sandu schreckt auf, sagt leise zu ihr: wenn wir sowieso krepieren müssen, können wir ja alles zum Teufel fahren lassen, lass uns das Klavier in Stücke schlagen, komm, wir schmeißen es vom Balkon runter, das wäre ein Spaß! Es schneit, die vereisten Fenster klirren. Was, wenn diese Welt von einem erschaffen wurde, der uns auslacht? er wird uns später verlieren, er hat unsere Leben miteinander vermischt, uns geholfen, uns zu erheben - fährt sie fort, sie spricht schnell, die Blicke aufs Fenster gerichtet - und dann wird es ihm Leid tun, dass er es getan hat und wird uns zerstören. Er wird mich gegen dich aufhetzen und dich gegen mich. Der Schwachsinn der anderen, gegen den wir jetzt immun sind, wird uns überwältigen. Ich hab Angst, Sandu! Es gibt etwas außer uns, ein Auge, das uns beobachtet, wenn wir Liebe machen. Kein universelles Wesen. Eher eine Uhr, die jedem die Knochen zerschmettert, der versucht, sie zurückzudrehen. Die Liebe trotzt ihr, und das hat einen hohen Preis.
 

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