Die Begegnung

Gabriela Adameşteanu | February 01, 2009
Translated by: Georg Aescht

 

„Wach auf, komm, streng dich ein bißchen an. Los, wach auf. Der Schlaf ist ansteckend. Du willst doch nicht, daß ich am Steuer einschlafe?!“

Er öffnet verstört die trüben Augen. Dieselben bewaldeten Hügel, an denen die mittelalterlichen Dörfer zum Himmel aufsteigen. Sein Nacken ist steif, und sein linker Arm ist eingeschlafen. Er schluckt.

„Wir haben die Ausfahrt verpaßt und sind ein wenig spät dran. Jetzt aber biegen wir rechts ab, und in spätestens zwei Stunden sind wir in der Innenstadt. Das Hotel ist genau gegenüber dem Rathaus. Es tut mir leid, daß ich dich so brutal aus dem Schlaf holen muß.“

„Du übertreibst. Das kann man nicht … Schlaf nennen.“

Das Sprechen fällt ihm schwer. Die Zunge klebt ihm am Gaumen, als hätte er die Nacht durchgesoffen. Er blickt auf die endlose, gleichförmige, von der Oleanderhecke zweigeteilte Autobahn. Sollte er eingenickt sein, so nur wegen des blendenden Lichts und der Hitze, die wie glühender Atem durch das offene Fenster hereinweht.

„Eingenickt bin ich vielleicht, aber geschlafen habe ich nicht …“

Das schale Maul des Alters. Er greift nach den Tictacs und legt das frische Bonbon auf die steife Zunge.

„Eingenickt?! … Ich versichere dir, du hast sogar geträumt, denn du hast dich ein paarmal bewegt, ich bin sicher, du hast in deiner Sprache gesprochen … Nach all den Jahren merke ich, wenn du im Schlaf rumänisch sprichst, obwohl ich kein Wort verstehe von dem Gebrabbel …“

„Der Schlaf hat mich übermannt, weil es so heiß ist … Vielleicht habe ich sogar geträumt, kann ja sein …“

Er gibt klein bei, damit das Thema endlich vom Tisch ist. Was Christa wohl gehört hat?

Er tastet nach dem Traum, findet ihn nicht. Zu unvermittelt hat er die Augen dem Licht ausgesetzt, so daß der Film einen Grauschleier bekommen hat. Verbrannte Papiere, die mit einem trockenen Rascheln zerstäuben, wenn man sie berührt.

Nur die Schreie aus dem Traum hallen nach, erstickt im Speichel, zerdrückt von den gelähmten Muskeln der Kehle, der Zunge.

„Diese Reise hat dich völlig verwirrt … Die letzten Nächte hast du sehr unruhig geschlafen … Ich bin sicher, du hattest Albträume …“

Er brummt. Er hustet. Er hat sich an dem Bonbon verschluckt, und unbegreifliche Fetzen des Traums flattern vor seinen Augen, während er den Sicherheitsgurt zurechtzurrt, in dem er geschlafen hat wie ein Pferd im Zuggeschirr.

Eigentlich ahnt er, was das für ein Traum gewesen ist, auch wenn er sich nicht daran erinnert. Der Traum, der sich wiederholt, sooft sein Bein schmerzt, wenn er krank ist oder unbequem schläft. Der Traum, von dem er hunderte Male hat erzählen hören, in unzähligen Varianten! Die Albträume des Exils, die er gemein hat mit so vielen andern wie er. Alle träumen sie von der gleichen gefährlichen, ermüdenden Reise. Die einen werden dort gefangengesetzt und können nicht mehr zurück. Die andern packt das Entsetzen, als ihnen klar wird, daß sie zurückgekehrt sind. Andere wieder werden von Verwandten und Freunden am Bahnhof erwartet.

Er weiß nicht, welches seine heutige Variante gewesen ist. Seit er in diesem Land lebt, um das er gekämpft und gelitten hat, damit es seines würde, hat er so viele Varianten geträumt …

 

 

2

 

„Gesteh es dir wenigstens selbst ein, mir gegenüber brauchst du es ja nicht zu gestehn … Aber gesteh es dir wenigstens selbst ein, daß du dich quälst, seit du dich entschlossen hast, diese Reise zu machen. Unnötig und unvernünftig … Denn was du dort wiederfinden willst, das gibt es nirgendwo sonst als in deinem Kopf … Du kannst nicht an einen Ort zurückkehren und hoffen, es sei eigentlich eine Rückkehr in der Zeit.“

Was suchst du hier noch nach sieben Jahren, warum auf der Straße stehn und verwundert zu dem Fenster hinaufschauen, zu dem die Äste der Platane hinaufragen, wie du sehr wohl weißt, warum die Hand nach der Stelle in der Mauer ausstrecken, wo vor Jahren die Klingel herausgerissen worden ist und man das Loch verputzt hat vor der Tür, durch die du gegangen bist,  wir alle gegangen sind, abgesperrt und aufgesperrt von fremden Händen für den Augenblick, wenn der Atem der Bombe sie aus den Angeln reißen wird …

„Ich sage dir das nicht erst jetzt, wo du dich darauf vorbereitest, nach dreißig Jahren dein Land wiederzusehen … Ich halte dich nicht hier zurück, das könnte ich auch gar nicht, aber ich muß dich warnen, du wirst diesen Schritt bereuen … Eine elementare Vorsicht müßte dich davon abhalten, eine so riskante Reise anzutreten, auch wenn es um dein Land geht, das …“

Sein Land? Diese schmerbäuchigen Männer mit breit verfetteten Backen und hängenden Kröpfen, mit dunkel verfärbter Gesichtshaut, von fettglänzenden Poren übersät, in ewig zerknitterten Anzügen, die sein Freund Alexandru ihm vorzustellen nicht müde wird?! Das Land der mißratenen Verwandten, derer er sich vor aller Welt schämt?! Die ihn um so ärger abstoßen, wenn sie das Maul auftun und in dieser Sprache sprechen, die er kaum wiedererkennt! Verdorben, verhunzt, vulgär … Was haben sie aus der armen Sprache gemacht, und was aus ihrem armen, verwilderten Land!

Ihrem Land, ihrem. Nicht dem seinen, nein …

Wie aber sollte Christa das alles begreifen?

Christa, die weiterredet, obwohl sie weiß, daß sie diese Reise nicht mehr verhindern kann. Christa, die glaubt, ihn besser zu verstehn als er sich selbst! Wie könnte sie beispielsweise verstehn, daß er, obwohl die andern diese verhunzte Sprache dermaßen grob zerkauen, sich wie vom Sog eines Magneten dorthin gezogen fühlt, wo sie zu hören ist! Schnurstracks läuft er auf die Laute zu, die von irgendwo aus seinem tiefsten Innern kommen und ihm die Welt plötzlich vertraut und durchschaubar machen …

Was ist das für eine Sprache, und wieso verstehe ich sie so gut? Wieso bin ich plötzlich ganz entspannt, sobald ich sie höre?

Und wenn es nur der Rauch wäre, der aus seinem Land kommt, den möchte er sehn und dann sterben.

 

 

3

 

„Ich verstehe sehr gut, was du empfindest, denn wie lange du auch hier gelebt hast, das dort bleibt dein Land! Es ist dein Land, selbst wenn du es nie wiedersiehst. Was ich übrigens besser fände … Aber ich weiß, daß du nicht meiner Meinung sein kannst, auch wenn du mir nicht widersprichst, auch wenn du schweigst … Nach all den Jahren, die wir zusammen sind, ahne ich, was sich hinter deinem Schweigen verbirgt …“

Kann sie wirklich ahnen, was sich hinter seinem Schweigen verbirgt, wenn doch er selbst es kaum aussprechen könnte?

Und ist denn sein Land auf immer und ewig jene ferne, von Mutanten bewohnte Gegend, von der er sicher weiß, daß er dort nicht mehr leben könnte?

Wie kann Christa so etwas sagen, so etwas denken?

Was sind dann all die Jahre Arbeit hier in der Einsamkeit wert? Wozu taugen dann alle Ehrungen, die er hier erfährt, der Respekt der Kollegen, die Anerkennung der Vorgesetzten, der Mitarbeiter, der Studenten, wenn Christa ihn mit einem einzigen Ausdruck – dein Land – zurück verbannt in jene wilde und verwilderte Gegend?

Früher unser und jetzt niemandes Land …

„Es ist gut, wenn du glaubst, was du mir sagst, meine Liebe … Aber die, die mir vorigen Monat eine Auszeichnung verliehen haben, die mich in die Akademie eingeladen haben, die glauben etwas anderes …

Seine nachgiebige Stimme und die Art und Weise, wie er den Blick durch die Windschutzscheibe geradeaus richtet, das ist erst die Grundstellung seiner Sturheit.

Christa weiß, daß er gleich einen cholerischen Anfall kriegen, brüllen, mit den Händen rudern wird. Dennoch läßt sie nicht locker. Sie hakt nach:

„Wir sind unterwegs zum Flughafen, aber du kannst es dir immer noch überlegen. Du rufst deinen Freund Alexandre an und sagst ihm, daß es dir schlecht geht. So kann alles aufgeschoben werden, sine die … Unsere Nostalgie spielt uns schon den einen oder anderen Streich … Erinnerst du dich, als wir zum ersten Mal in meinem Heimatstädtchen waren? Du hast mich in eine Konditorei an der Hauptstraße geführt und warst gerührt, als ich dir sagte, daß ich in diesem Haus geboren worden bin, daß es etliche Generationen lang meiner Familie gehört hat. Ich habe dir auch gesagt, wie wir es verloren haben. Irgendwann haben die Eltern den Unterhalt nicht mehr zahlen können, unsere Ausbildung wurde immer teurer, dann kam die Verlobung von Klara mit Hermann. Es gab keine andere Möglichkeit, als das Haus zu verkaufen und in ein kleineres in der Vorstadt, in der Bergstraße, zu ziehn. Noch sieben Jahre nachdem wir umgezogen waren, fuhr ich mit dem Fahrrad von der Schule nicht dorthin, wo wir wohnten, sondern zu dem altem Haus an der Hauptstraße …

Doch du streckst deine Hand aus nach der frisch verputzten Mauer, an der keine Spur der alten Klingel zu sehen ist, blind drückst du mit zitternden Fingern, vielleicht hat der frische Putz die Spur einer alten Klingel überdeckt, du drückst die unsichtbare Klingel und wartest, daß Mutter oder Klara oder Walter aufmacht, du drückst die vermauerte Klingel und schaust hinauf zu deinem Fenster, zu dem die Äste der Platane hinaufreichen. Wie gut du doch weißt, wie sich der Schatten der belaubten Zweige jetzt gegen Ende April Stunde um Stunde vorantastet und nach und nach alle Ecken deines Zimmers einnimmt. Wenn du das Fenster öffnest, kommen die belaubten Zweige in dein Zimmer mit dem Duft frischen Grüns, mit der Melodie goldsamtenen Lichts. SONATE FÜR KLAVIER UND VIOLINE G-Dur op. 72 von Johannes Brahms. Du klappst den Flügel zu, trittst ans Fenster stehst dort wie im Schlaf und betrachtest die weißen Bäume auf den grünen Hügeln, bis du siehst, wie sie gelb werden, rot werden, schwarz werden

 

 

4

 

„Ich glaube, es war, nachdem Vater den Einberufungsbefehl bekommen hatte … Ich erinnere mich noch an den schmutziggelben Umschlag … Und an den Tag, als Walter und ich von der Schule fehlen durften, um Vater zum Bahnhof zu begleiten. Wenn jemand an die Front fuhr, durfte man den ganzen Tag fehlen. Zu dritt sind wir zum Bahnhof gegangen, Mutter war es schon schlecht, bevor wir zur Tür hinausgingen, also ließen wir sie zu Hause … Und kurze Zeit später bin ich, das habe ich dir erzählt, wie eine Schlafwandlerin von der Schule zu unserem ehemaligen Haus an der Hauptstraße gegangen. Ich erinnere mich nur daran, weil es keine Erklärung dafür gab. Wir wohnten doch schon sieben Jahre nicht mehr dort! Aber erst als ich die Hand nach der Klingel ausstreckte, die es gar nicht mehr gab, und die frisch geputzte Wand berührte, merkte ich, wie unsinnig das alles war …

Was suchst du hier sieben Jahre danach, wieso stehst du auf der Straße, streckst die Hand aus nach der geputzten Mauer und wartest, daß Mutter, Walter, Vater, Klara öffnet. Was kannst du anderes tun als das Fahrrad nehmen, das an der fremden Mauer lehnt, langsam wie im Schlaf die Hauptstraße hinuntergehn, auf wackligen Beinen oder auch nicht, weder nach rechts noch nach links sehen, nur geradeaus. Was siehst du dort? Nichts, nur ein riesiges Schokoladenei mit rosa-weiß-grüner Glasur, ein riesiges Schokoladenei mit Schleifen, umgeben von Schokoladenhäschen, im Schaufenster der Konditorei, wo euer Haus war. Denn es ist nur noch eine Woche bis Ostern, denn es sind nur noch drei Tage bis zu den Bombenangriffen.

 

 

Neu: Vieti seriale

 

Christa hat ebenfalls aufgehört zu klatschen. Sie zerrt unablässig an der Kette um ihren Hals, sie versucht, die Uhr abzulesen, mit hoffnungslos verkniffenen Augen. Sie will in einem solchen Moment keine Brille aufsetzen.

„Gehen wir nicht, noch vor der Zugabe?“ fragt sie ihn.

Daß sie aber auch ständig im Gegentakt sind. Es scheint, als hätte sie ihn endlich gehört und wäre, mit einem Mal, bereit zu gehen. Jetzt. Oder liegt es daran, daß sie besonders schnell reagiert, wenn sein Blick an einem jungen Geschöpf hängenbleibt?

„Wieso sollte wir als erste gehen?“ wundert er sich. „Es gibt offenbar keine Zugabe.“

Der Beifall ist schwächer geworden, aber die Mädchen im Umkreis legen dieselbe beharrliche Begeisterung an den Tag. Die Hände um sie herum sind geübt in dieser Bewegung ohne Unterlaß. Dabei wissen alle, daß es die lezten Bekundungen gegenseitiger Achtung sind: von seiten des Konzertpublikums, der Violonistin, des Pianisten.

„Vorhin schienst du es eilig zu haben“, raunt Christa.

Seine Reaktion ist dergestalt verwirrend, wie sie sie eigentlich auch erwartet hat. Einen Stuhl umschmeißen, wenn vollkommene Stille eingekehrt ist. Gehen wollen, wenn der Beifall brandet, und es nicht wollen, wenn alle Welt sich dazu anschickt. Seine Gedanken sind offenbar immer noch bei der sinnlosen Reise in jene wilden Gefilde, auf der ihn zu begleiten sie überhaupt keine Lust gehabt hatte. Allerdings hat sie gut daran getan, ihn zu überzeugen, dieses Konzert zu besuchen. Sonate für Klavier und Violine No. 1, g-Dur, op. 78 von Johannes Brahms. Vivace ma non troppo, Adagio allegro … Sie hat geahnt, wie sehr ihn die Musik berühren würde, aber sie hat den Mut gehabt, es darauf ankommen zu lassen.

Du läßt den Deckel des Flügels langsam herab und gehst, das Fenster zu öffnen, wenn du die Hand ausstreckst, berührst du die Blätter an den Zweigen, ihr grüner Geruch von melodiöser Frische dringt in dein Zimmer, zusammen mit dem samtgoldenen Licht des späten Aprils.

„Eine Minute mehr, was bedeutet das schon?“ sagt Traian achselzuckend.

Eine Minute mehr kann manchmal ungeheuer viel bedeuten, kommt ihr jetzt vor. Sie hat plötzlich den unbändigen Wunsch, frische Luft zu atmen. Ein Park, so raffiniert wie der Konzertsaal des Schlosses, hat sie gestern zu Traian gesagt und ihn zu überzeugen versucht, eine Ausnahmegeigerin zu hören und sich bei einem kurzen Spaziergang durch den Park voller Wild und Kunstwerke zu entspannen, bevor er den langen Weg nach Hause antritt.

Rosa, Grün, Weiß, alles blitzt an dem rasenden Fahrrad vorüber, weißrosa Blumenkronen, japanische Weichselbäume, Magnolien, Kirschbäume in voller Blüte vor riesigen klaren Fenstern. Du trittst ohne Eile in die Pedale, denn es ist viel zu schön hier draußen, als daß man sich beeilen sollte, von der Brücke aus siehst du jetzt den grünen Rhein weithin, siehst den weißen Schaum an den Wehren, siehst die weißen Bäume, die auf den grünen Hügeln blühen, hörst du die Glocke des Doms. In einer Woche ist Ostern, in einer Woche ist das Fest, du drückst auf die unsichtbare Klingel und wartest, daß Klaus oder Walter oder Vater kommt, dir zu öffnen, du siehst hinauf zum offenen Fenster deines Zimmer. Von dort aus ergießt sich unser Musikabend über die Hauptsstraße, Sonate für Klavier und Violine.

 

*

 

„Während des Konzerts rutschst du ständig hin und her, und wenn die Hälfte der Zuhörer schon in der Garderobe ist, überkommt dich plötzlich das Interesse und wir sind die letzten im Saal.“

„Wir sind mit allen andern aus dem Saal gegangen, meine Liebe … Siehst du, wie du übertreibst?“

Seine Stimme ist begütigend und gleichgültig. Seine langen weißen Finger nesteln an den Knöpfen des blauen Überziehers. Wieso, wo es doch so warm ist draußen? Es ist Anfang September, aber die Luft im Park ist frisch und warm wie Ende April.

„Wenn ich so getan habe, als wollte ich gehen, war es deinetwegen, weil du so lange zu fahren hast. Wir hätten uns dieses Konzert vielleicht nicht auch noch antun sollen, du siehst schon so müde aus, als würdest du noch schlafen.“

Schieb dein Rad in die Mitte des Weges und denk nicht darüber nach, wieso du gehst wie im Schlaf, wer kann dir schon sagen, welches dein richtiges Leben, welches dein richtiges Zuhause ist? Wer garantiert dir, daß du nicht träumst, auch jetzt? Vielleicht träumst du nur, daß du den Park durchquerst, vom Schloß bis zu dem Parkplatz, wo das Auto auf dich wartet, vielleicht gehst du die Hauptstraße entlang und hörst die Glocke des Doms. Vielleicht ist es nur ein Traum, daß seit acht Monaten keine Brief von Vater gekommen ist, daß Walter in die Hitlerjugend und dann in die Waffen-SS eingetreten und zur Verteidigung Berlins aufgebrochen ist mit dem Zug, aus dem es scholl: Heidemarie. Vielleicht ist es nur ein Traum, daß du Hermann geschrieben hast, sei nicht unglücklich, selbst wenn das Kind in Klaras Bauch nicht deines ist, denn ich liebe dich, ich werde auf dich warten, deshalb gehe ich Tag für Tag brav in den Luftschutzkeller, wenn ich den Alarm höre …

 

 

*

 

„Ich habe nicht genug geschlafen, das ist klar. Als ich hörte, daß dein Flugzeug soviel Verspätung hat, wollte ich den Besuch bei Giulia und Antonio absagen, doch sie bestanden so hartnäckig darauf, wir sollten kommen, und sei es noch so spät, daß ich einwilligen mußte. Es lag wohl an der Müdigkeit, daß du gestern so erregt warst, du hast viel mehr geredet als sonst und bist irgendwann sogar ausfällig geworden … Vielleicht erinnerst du dich noch, was du gesagt hast, es ging um dein sogenanntest Dilemma mit der Verwandtschaft, ob das nun deine Familie sei oder nicht. Es handelte sich natürlich um eine Metapher, sie faßten es allerdings nicht so auf, es war ihnen anzusehen, daß sie nicht wußten, was sie glauben sollten.“

Seine geweiteten Augen, deren Blau durch die dicken Brillengläser verwaschen, unbestimmt erscheint.

„Aber keine Rede, meine Liebe. Es war keineswegs eine Metapher. Als ich dort mit ihnen zusammen war, habe ich mich in der Tat immer wieder gefragt, ob das wirklich meine Verwandten sind.“

„Wieso sollten es nicht deine Verwandten sein? Das können sie doch sein, auch wenn du sie nicht magst. Wenn du dich nicht mit ihnen verständigen kannst …“

 

Vielleicht wäre Walter nicht in Pankow gestorben, noch bevor er mit seiner schweißnassen schmalen Hand die Granate werfen konnte, wenn du nicht sein Tagebuch ins Feuer geworfen hättest. Vielleicht trank Mutter wirklich heimlich schon am Morgen, wie Walter ihr aufs Gesicht zu sagte, damals, als ihr zum letzten Mal strittet und er die Tür hinter sich zuschlug und sich zu dem Zug aufmachte, wo die Kameraden sangen: Heidemarie. Vielleicht wollte Klara Deutschland auch keinen Soldaten mehr schenken, nicht als Jungfrau zur Mutter werden, wie sie sagte, sondern hatte nur die Geduld verloren, weil Hermann nicht auf Heimaturlaub gekommen war, jetzt in deinem Alter müßtest du verstehn, wie erleichtert und aller häuslichen Sorgen enthoben sie war, als der lahme Inhaber der Konditorei begann, Lebensmittel vom Schwarzmarkt und ganze Schachteln Gebäck anzuschleppen. Vielleicht wollte Klara nicht mehr in den Luftschutzkeller am Ende der Bergstraße, weil sie gekränkt war, weil sie deine Schrift auf dem Brief an Hermann erkannt hatte und befürchtete, er würde die Verlobung lösen und du würdest an ihre Stelle treten.

So aber ist dir die Scham der Erinnerungen geblieben, so mußt du ohne Tränen weinen, lautlos schreien im Schlaf.

Waren dann all jene Jahre nur ein Traum? Ein Traum, was glaubst du denn, was hätten sie sonst sein sollen.

 

*

 

„Was heißt hier mögen! Wie hätte ich sie denn mögen sollen, diese armen Leute, die Spalier standen am Flughafen, als ich ankam, schlecht angezogen, verlegen, allesamt unbekannt? Es regte sich keinerlei Empfindung bei dieser Begegnung! Dagegen ist jede unserer Konferenzen geradezu erfüllt von menschlicher Wärme, ist sie doch eine Gelegenheit, liebe Freunde zu treffen! Die da drüben haben mir kein Gefühl familiärer Zugehörigkeit vermittelt, ihre Gesichter blieben leblos, auch wenn sie lächelten. Das habe ich gleich gespürt, obwohl ich von Unbekannten belagert wurde, die mir allerhand erklären wollten, manche fragten mich absurderweise sogar, ob ich sie wiedererkenne, wen hätte ich denn erkennen sollen, Menschenskind, wo doch deutlich zu sehen war, daß sie nach meinem Weggang geboren waren?! Trotzdem behaupteten sie, sie hätten an mich gedacht und auf mich gewartet, wieso hätten sie auf mich warten sollen, wo wir uns doch noch nie gesehen hatten? Deshalb erwachte immer, wenn wir zusammen waren, die hintergründige Frage: Wer sind die denn alle? Sind das denn wirklich meine Verwandten, oder sind es Fremde, die für diese Rolle angeheuert worden sind? Ich bin mir nicht darüber klargeworden …“

Er sieht Christa nicht an, während er redet, er sieht immer geradeaus. Etwas geht ihm auf die Nerven, seit sie den Konzertsaal verlassen haben, etwas geht ihm gegen den Strich – aber was? Plötzlich merkt er, es sind die Tulpenbeete, ärgerlich gerade, ärgerlich gleichförmig. Er wünscht sich einen Garten mit wuchernden Pflanzen, mit Beeten voller Blätter vom Vorjahr, die in sonnenbeschienener Ruhe verwesen, mit feuchten Spinnweben und Fliegen, die besinnungslos darüber summen. Wo ist dieser Garten, in dem er auf einer Decke mit geschlossenen Augen in der Sonne läge? In einem Land, das das unsere war und jetzt niemandes Land mehr ist, sagt Freund Cioran.

Schluß, aus, die französische Gartengestaltung, der Rokokostil liegen hinter uns.

„Entschuldige, aber dein Mißtrauen nimmt die Züge einer Paranoia an. Wieso hätte man extra zu deinen Ehren ein Schauspiel mit Unbekannten in der Rolle von Verwandten veranstalten sollen?! Das ist doch absurd! Gar nicht zu reden, daß unter diesen Umständen Victor gar nicht mehr dein Cousin wäre, das ist doch richtig, oder?“

„Victor ist die Ausnahme, meine Liebe! Ich weiß wirklich nicht, was geworden wäre ohne Victor, ohne seine Späße, zumal auch Professor Stan und seine Tochter Teodora fehlten. Mit ihnen hätte ich noch gewitzelt, gelacht, mit all den andern war es wie auf einer Bühne. Wo doch ich, der ich so schweigsam bin, wie du es mir vorwirfst, die Konversation bestritt! Die anderen brachten kaum dann und wann ein Wort hervor. Wenn ich an einem jener unendlich langen und kaum belebten Tische saß, spürte ich, wie sie mich alle, mal insgeheim, mal geradeheraus, beobachteten, mich keinen Augenblick aus den Augen, keines meiner Worte unbeachtet ließen …“

 

*

 

Die feuchtgrüne Weite der Wiese. Der Pfau mit festlich breitgefächertem Schwanz steuert lächerlich feierlich auf den Wärter zu, der von schnatternden Wildenten umgeben ist. Nur eine graue Taube mit einer Halskrause wackelt ihnen hinterher wie ein allzu zahmes Huhn.

„Los, geh! Geh auch du dorthin, wo es was zu fressen gibt! Wir haben nichts für dich“, redet ihr Christa spaßeshalber zu.

Von wegen, die Taube wackelt ihnen beharrlich hinterher.

„Geh schon, wenn man dir sagt! Los, verschwinde!“

Christa schüttelt mißbilligend den Kopf.

„Das arme Täubchen! Wieso fährst du es so an?“

„Täubchen? Ist das denn ein Täubchen?! Sieh es dir doch an, was aus ihm geworden ist! Fett und schwerfällig, wie es ist, kann es nicht einmal mehr fliegen, die Flügel schrammen über den Kies! Es erinnert mich an die Leute drüben, obwohl deren Gefangenschaft unendlich unangenehmer ist. Dort aber gibt es ein paar, die irgendwie frei geblieben sind! Eigentlich habe ich keinen getroffen außer meinem Vetter Victor und meinem Freund Alexandru Stan …“

Er ist stehengeblieben und unterstreicht seine Rede mit ausholenden Gesten. Auch die graue Taube mit der Halskrause ist stehengeblieben, sie wartet geduldig mit leicht seitwärts geneigtem Kopf. Traian scheucht sie mit leisem Fauchen wie ein Hofhuhn, doch die Taube rührt sich nicht. Und Christa verfolgt die Szene mit wachsendem Unbehagen: Es zeigt sich, daß in jener wilden Welt, aus der er gekommen ist, die Tiere aus Noahs Arche schlecht behandelt werden. Sie sagt es ihm auch in vorwurfsvollem Ton, dem sie Nachdruck verleiht mit ihrer Hand, an der kein Ring, kein Armband die Falten, die geschwollenen Adern, die Altersflecken verdeckt.

„Sieh dich doch an, mit welcher Selbstgewißheit du redest! Bildest du dir ein, du könntest noch frei sein in einer solchen Welt? Und deine Verdächtigungen gegen die Familie sind, wie ich meine, deiner Phantasie entsprungen. Eine billige Fernsehserie. Hast du denn etwas gesehen oder gehört, das …?“

„Nein … Daß ich etwas gesehen hätte, kann ich nicht behaupten … Höchstens vielleicht … Ich weiß es nicht, eigentlich habe ich gar keinen Beweis … Es ist eher die verkrampfte Stimmung …“

„Aber du warst ja auch für sie ein völlig Unbekannter. Dein Ruf könnte sie eingeschüchtert haben!“

„Das mag fürs erste so gewesen sein, einverstanden. Dann hätte sich die Beziehung aber normalisieren müssen, und dem war nicht so. Selbst als wir alle zusammen in unser Städtchen fuhren, brachen sie kaum ihr Schweigen. Sie waren wie Statisten in einem Stück, und was mir noch mehr zu denken gab, war die Ordnung in den Zimmern. Sie wagten wohl nicht, irgendetwas zu verrücken. Ob nicht auch dieses Haus, in das sie mich gebracht hatten, ein öffentliches Haus war? Das ging mir irgendwann durch den Kopf …“

 

*

 

Christa hat es – wie eigentlich? – geschafft, die Taube zu überzeugen, zu dem Wärter zu gehen, der neben dem Tablett mit Körnerfutter wartet und von einem Bein aufs andere tritt. Sie steht da und sieht ihr zufrieden nach, wie sie sich schwerfällig wackelnd wie ein allzu zahmes Huhn zu dem wohlbekannten Plätzchen begibt.

„Ich begreife nicht, was du daran ärgerlich findest! Hast du das harmlose arme Täubchen zur Metapher für deine Unzufriedenheit mit den eigenen Landsleuten gemacht?“

„Ich habe dir schon gesagt, das ist nicht mein Land. Und ich ärgere mich auch nicht, obwohl ich gestehen muß, daß diese degenerierte Taube mir Unbehagen bereitet, gewissermaßen eine Abneigung.“

„Degeneriert? Wieso? Nur weil sie uns den ganzen Weg über gefolgt ist?“

„Ja, genau! Sie hat keinerlei Bezugspunkte mehr, sie hat ihre Instinkte verloren! Sie weiß nicht, wo Nahrung zu finden ist, sie kann nicht mehr fliegen. Ich sehe an ihr, was alle Welt weiß: wie Geschöpfe in der Gefangenschaft verkümmern.“

Ein winziges wildes Entenküken ist in einem winzigen grünen Tümpel erstarrt. In Ufernähe die Skulpturengruppe mit dem Hirsch, der von Hunden gestellt wird. Der Hirsch ist niedergekniet, die bellenden Hunde springen ihn an, verbeißen sich in seinen Keulen, seinem Rücken, seiner Kehle, ihre steinernen Reißzähne bohren sich für immer in sein steinernes Fleisch, das weitverzweigte Geweih sinkt schwer auf den vom Rot der Tulpen umbrandeten Sockel, mit klarem Strahl schießt Wasser aus seinen Wunden. Welch ein Greuel! Aber nein, so soll man Kunst nicht betrachten!

„Und darum blaffst du einen unschuldigen Vogel an? Da hast du’s, das Alter ist weder weise noch geruhsam, wie man sagt. Eigentlich sind alte Menschen nervös, depressiv, unduldsam!“

„Christa weiß alles! Jetzt bist du auch Fachfrau der Gerontologie! Seit wann?!“

„Ich beobachte mich natürlich selbst. Davor aber habe ich mitansehen müssen, wie die Gesundheit meiner Großeltern nach und nach verkümmert ist. Auch sie sind beneidenswert alt geworden, es wäre schön, wenn ich ihnen darin ähnelte. Lange waren sie vital und lebenslustig, und mich haben sie gerettet. Ich war mit ihnen im Luftschutzkeller, als die Erde bebte, ringsum Finsternis, Schreie, furchtbarer Gestank, der Keller hatte keine Lüftung, und manche kotzten oder entleerten sich vor Angst … Wir merkten aber, daß die Bombe nicht in unserer Nähe, sondern weiter weg niedergegangen war, und jemand, eine Männerstimme, sagte: Es hat die Bergstraße getroffen. Als Entwarnung gegeben wurde, rannte ich wie irr dorthin und sah von weitem die schwarzen Ruinen der Häuser, aus denen Flammen schlugen. Die Großeltern holten mich aus dem Gewirr von verkohlten Mauern und Trümmern, nahmen mich zu sich nach Hause und saßen abwechselnd bei mir, Tag und Nacht, bis ich aus dem Schockzustand zu mir kam. Großvater hatte zu Anfang des Jahrhunderts seinen Doktor der Psychologie in Wien gemacht und lange Zeit an der Hochschule unterrichtet. Er leitete eine richtige Therapie ein, denn nachdem er mich aus dem Schockzustand geholt hatte, verfiel ich in eine schwere Depression, die monatelang anhielt. Großvater sagte mir immer wieder, um gesund zu werden, müsse ich meine Gefühle unter Kontrolle bringen und dürfe mir vor allem nicht mehr die schmerzlichen Bilder in Erinnerung rufen. Ich müsse mich anstrengen und sie aus meine Gedächtnis tilgen …“

Wieso solltest du als letzte zwischen den Schutthaufen umherirren, in denen man die Schaufeln knirschen hört, in einer Trümmerstadt in tiefer Dunkelheit, in der nur hie und da Flammen emporzüngeln? Schürf nicht mehr mit deinen aufgerissenen, blutenden Fingernägeln in den Glasscherben, in dem Gewirr glühender Drähte, schrei nicht mehr: Klara! Mutter! Warte! Die französischen Häftlinge, die russischen Kriegsgefangenen werden kommen, die Leichen und die Blindgänger auszugraben, du siehst ihre Schatten neben dem Haufen Mauerziegeln an jenem Ort, wo in einem Traum irgendwann unser Nachbarhaus in der Bergstraße gestanden hat? Hör auf, mit bloßen Händen in dem glutheißen Schutt zu graben, hör auf zu brüllen: Klara, Mutter, warte! Die Gefangenen werden kommen, du hörst sie graben, immer näher, Klara, Mutter, wartet noch ein bißchen, sie werden euch ausgraben! Vorsichtig werden sie graben, sorgfältig, um euch nicht zu verletzen, um euch nicht … Ausgraben, aber was? Schrei nicht, wach auf! Es ist nur ein Albtraum, du hast geträumt! Verlier nicht den Kopf, geh weiter, so gut du kannst, dies ist dein wirkliches Leben. Ich habe Angst, einzuschlafen und zu träumen, ich habe Angst zu schürfen, brüllend zu graben in dem glutheißen Schutt, in den Glasscherben, mit meinen blutenden Fingernägeln, ich habe Angst, weiterzugehen durch die Finsternis, mich vorwärtszutasten in meinem wirklichen Leben, ich habe Angst …

 

*

 

Christa ist vor der hölzernen Anschlagstafel mit dem Spielplan für den nächsten Monat stehengeblieben, als suchte sie etwas. Auch Traian ist stehengeblieben, aber nur, um sie aufmerksam zu beobachten, denn ihr Schweigen in den letzten Minuten erscheint ihm merkwürdig.

„Was tust du denn, meine Liebe?! Weinst du? Weinst du, oder täusche ich mich?“

Das Lächeln in seiner Stimme und seine geweiteten Augen, deren Grün von den dicken Brillengläsern verfärbt wird, begegnet ihrem gezwungenen Lächeln.

„Das ist rein mechanisch, mußt du wissen. Auch nach vierzig Jahren treten mir leider Tränen in die Augen. Bei gewissen Worten, bei einer gewissen Musik. Vielleicht ist es auch nur eine Allergie …“

Das demütigende Gefühl, vom Körper verraten zu werden, wenn mit den Gefühlen die Tränen hervortreten, beim Niesen der Urin austritt …

„Urinieren Sie häufiger als früher, und in kleineren Mengen?“

„Was ist das für eine Frage, Doktor? An welche Diagnose denken Sie denn?“

„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau! Die Symptome sind in diesem Alter gang und gäbe. Übrigens haben auch ziemlich viele Männer gewisse Beschwerden …“

Christa zerrt die Uhr, die sie an einem Kettchen um den Hals trägt, vor ihre verkniffenen Augen: hier, im Licht. Wie häßlich doch die Schloßmauer ist, wie schlecht renoviert, und schuld daran ist nur die Stadt, die das für die Restaurierung nötige Geld nicht aufgebracht hat, auch das sollten wir bei den bevorstehenden Wahlen im Auge behalten, gibt sie Traian zu bedenken.

 

*

 

„Dein Verdacht gründet allein darauf, daß die von drüben dir nicht das Gefühl von Familie vermittelt haben. Du hattest den Eindruck, sie spielten ihre Verwandtenrolle amateurhaft schlecht … Sie redeten nicht natürlich …“

„Sie redeten so gut wie gar nicht. Still waren sie, jeder mit einem Buch in der Hand, vor allem eines schien sie zu interessieren, es war en vogue, alle Welt las es oder redete darüber. Die da drüben können sowieso nichts anfangen mit ihrer Zeit, ihr Lebensrhythmus ist verlangsamt, was also können sie tun? Lesen. Ich habe einen gesehen, der während meines ganzen Vortrags gelesen hat.“

„Endlich verstehe ich, wieso du unzufrieden bist mit der Reise! Es hat sich einer erlaubt, nicht aufzupassen, während du sprachst! Auch hier habe ich festgestellt, wie du dich über gewissen Reaktionen im Saal aufregst, die andere Redner gar nicht beachten würden! Du versucht eine Weile, nachsichtig zu sein, aber es ist eine gespielte Nachsicht, und irgendwann machst du dir nicht mehr die Mühe zu spielen …“

„Nicht doch! Offenbar kennst du mich auch nach so vielen Jahren nicht, meine Liebe! Es ist das letzte, was mich stört, wenn jemand im Saal liest! Es ist meine Schuld, wenn es mir nicht gelingt, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Mit meinen Studenten, ja, mit denen bin ich weniger nachsichtig, denn es erscheint mir unannehmbar, daß jeder ignorante Milchbart, der gerade mal drei Zitate von Trotzki und zwei von Marx zur Hand hat, daherkommt und einen zur Rede stellt! Und ihre Streiks, was wollen sie damit? Sie wollen nicht lernen! Während die Jugendlichen in unglücklichen Ländern alles darum gäben, ihre Chancen zu haben …“

„Irgendetwas, glaube ich, muß bei dieser Konferenz doch vorgefallen sein, wo du so widerwillig über sie redest! Wenn es nicht die Jugendlichen im Saal waren, die dich provoziert haben, vielleicht ist es ja deinen schönen Landsmänninen gelungen! Schick gemacht mit allem, was es dort so gibt!“

„Ach, du lieber Gott! Schön vor einem halben Jahrhundert! Die Mehrheit der Zuhörerinnen waren in meinem Alter! Ich muß dich enttäuschen, es gab keinen Zwischenfall …“

„Wenn Jugend im Saal ist, kann das nicht ohne Zwischefälle abegehen!“

„Es gab keinen Zwischenfall, weil keine Jugend da war. Oder so gut wie keine. Wieso hast du etwas anderes erwartet?“

„Wie sieht es denn aus in den Sälen, in denen du redest?“

„Hier schon! Aber drüben?! Da saßen vor allem Amtspersonen aller Rangstufen, vom Institut, von der Fakultät, zumeist ältere Semester, eine paar junge Leute, schwer zu sagen, ob Studenten oder nicht; keinesfalls aber von jener Art, die den Vortragenden mit spitzfindigen Fragen in die Enge treiben wollen. Sofern ich Professor Stan richtig verstanden habe, ist das die übliche Audienz an einem solchen Ort – Konsulat, Auslandsbibliothek. Die sind, sagte er, nicht unbedingt daran interessiert, dort gesehen zu werden, weil sie das in ein schlechtes Licht rücken könnte. Im Saal aber waren auch Bekannte von mir, ältere Leute mit ihren Familien, die – nur sie wissen, woher – gehört hatten, daß ich dort bin. Die uneinheitliche Zuhörerschaft war eine zusätzliche Schwierigkeit für mich, weil ich mich nicht auf das Publikum einstellen konnte …“

 

*

 

Die rosafarbenen, gelben, orangen, weißen, schwarzlilanen Blütenkelche der Tulpen haben sich gegen Abend geschlossen. In der Erde jedoch schwellen die Knollen jener, die morgen früh aufgehen werden, wenn die gnadenlose Hand des Gärtners die Stengel von heute über der Wurzel abschneiden wird, ohne daß die Blüten Schaden nehmen. Tulpen haben kein Recht, alt zu werden.

„Professor Stan hatte mich vor politischen Provokationen gewarnt. Deshalb habe ich einen streng wissenschaftlichen Vortrag gehalten, der für ein fachfremdes Publikum absolut langweilig war!“

Sie protestiert: Du kannst gar nicht langweilig sein, er besteht darauf: Doch, kann ich, leider.

„Ich hasse es, vor Studenten den Clown abzugeben, aber das kann es ja auch nicht sein wie dort, daß man sich keinen Spaß erlauben darf. Hier hätte mich das zum Ziel von Papierkügelchen gemacht, und in einer halben Stunde wäre der Saal leer gewesen. Dort schienen sie meinen Vortrag als normal zu betrachten. Jedenfalls erschien mir Alexandrus Vorsicht übertrieben, niemand hatte die Absicht, mich zu stören. Nur als ich sagte, ich würde einen langweiligen Vortrag halten, waren sie verwirrt, wußten damit nichts anzufangen. Was hatte ich eigentlich sagen wollen? Ein Lachen war zu hören, ein paar Zwischenrufe, die in dem peinlichen Schweigen der andern irgendwie unverschämt klangen. Dort erwartet man, daß alles, was einer sagt, einen verborgenen, ja sogar den gegenteiligen Sinn hat, und man sucht selbst in der plattesten Aussage nach Anspielungen. Ich war versucht, den Ball zurückzuspielen. Schließlich verzichtete ich darauf.“

„Und dann?“

„Dann habe ich geredet, und sie haben getan, als ob sie mir zuhörten.“

„Warum sagst du das? Vielleicht haben sie dir wirklich zugehört!“

„Sie haben mir zugehört, aber ja! Meine Kollegen, die haben mir zugehört! Fachleute! Aber die andern? Jeder wartete aus dem je eigenen Grund darauf, daß alles möglichst schnell vorüberging. Die Journalisten, um mich mit ihren Anfragen nach einem Interview zu belästigen, das ich nicht zu geben beabsichtigte, das hatte ich dir noch vor der Abreise gesagt. Die Amtspersonen, die es überall eilig haben, um mir zu gratulieren und Einladungen auszusprechen, denen ich nicht Folge leisten wollte. Und der Saal …

 

*

 

Vielleicht hat ihn die Musik belebt. Vielleicht hat ihn die Übermüdung der letzten Wochen mobilisiert. Vielleicht ist es aber auch nur seine Erregung, die zunimmt, je näher er den unangenehmen Augenblick herankommen sieht. Bitte laß das, möchte sie ihm sagen wie immer, wenn er über eine Fehlleistung nicht hinwegkommt, laß das, aber es ist zu spät, als daß sie noch etwas retten könnte …

„Am Ende war der Saal viel voller, als er während meines Vortrags gewesen war. Pünktlichkeit ist keine Stärke der Leute dort, ein Gutteil war eingetreten, während ich redete, die Unhöflichkeit schien ihnen allerdings nicht bewußt zu sein. So kam es, daß sich, genau wie am Flughafen, zum Schluß eine Menge von Unbekannten um mich drängte, die mich beglückwünschen und von mir erkannt werden wollten. Schließlich bildete sich eine ziemlich unordentliche Schlange, die nur langsam vorankam, ich aber mußte mit jedem ein Wörtchen reden, eine Telefonnummer, eine Adresse notieren, mir eine schwerverständliche Geschichte mit überflüssigen Anspielungen und Einzelheiten anhören, versprechen, daß ich unbedingt kommen würde – zum Frühstück, zum Kaffee, in ihr Haus auf dem Land, in den Bergen, am Wochenende. Und da die Damen, aber auch die Herren, sehr redselig waren und alle ähnlich wirre Geschichten und dieselbe fast unverständliche Sprechweise hatten, so, schau mal, so zwinkerten sie, husteten sie, machten Pausen und Handzeichen zur Decke, nach links, nach rechts, so daß ich mit jedem von ihnen eine Menge Zeit verlor, begannen einige, die weit hinten standen, zu protestieren. Zunächst im Flüsterton, dann immer lauter. Da dachte ich, wenn es zu einem Tumult käme, könnte das unangenehme Folgen haben – für mich, für sie, für alle …“

 

*

 

Noch bevor sie es sah, hatte sie es gehört. Ein kleines Geräusch, als schleifte etwas über den Kies der Allee. Und dann sah Christa es auch: ein graues Knäuel, das durch die bunten Blumenbeete rollte. Immer kleiner, immer weiter weg.

„Ein Häschen, Traian! Nein, dort drüben, rechts! Beim Hirsch! Rechts, nicht links …“

Seine Augen, deren bläuliches Grün hinter den dicken Brillengläsern verschwimmt, irren umher in den abgezirkelten Weiten des Parks.

„Rechts? Wo denn, rechts? Ach, da! Schau an!“

„Wenn ich Häschen sehe, denke ich immer an Schokoguß, nicht an Lebewesen. Wahrscheinlich, weil ich die Schokoladenhäschen und Schokoladeneier so sehr mochte, die vor Ostern im Schaufenster der Konditorei im Erdgeschoß unseres ehemaligen Hauses lagen …“

So bist du also die einzige, die immer Ende April ein riesiges Schokoladenei mit bunter, weiß-rosa-grünlicher Glasur und schmucken Bänderschlaufen, umgeben von größeren und kleineren Schokoladenhäschen, im Schaufenster der feinsten Konditorei an der Hauptstraße betrachtet, in unserem ehemaligen Haus, wo wir derart froren, wo wir aber zusammen waren. Eines Frühlings- oder Sommertages werdet ihr in den Innenhof der renovierten Konditorei gehen, also in euren ehemaligen Garten, ihr werdet zu viert, Hermann, du und die Kinder, an einem koketten weißen Tischchen vor riesigen Portionen Schokoladeneis sitzen, über denen sich die weiße Schlagsahne türmt.Du wirst den Kindern dein ehemaliges Fenster zeigen, zu dem die Äste der Platane hinaufreichen, und sie werden gierig mit den silbernen Löffeln in die wolkige Sahne fahren, es ist das erste Mal, Mutter, daß wir in einer so teuren Konditorei Eis essen, es ist das erste Mal! Deshalb werden sie sich nicht die Mühe machen, zu dem Fenster hinaufzusehen, das du ihnen unbedingt zeigen willst, und während Hermann zahlt, werden sie dich verwundert fragen: Was hast du denn? Wieso weinst du? Wieso weinst du, Mutter?

 

*

 

Also begann ich, das, was mich anfangs gerührt und dann belustigt hatte, als Fron zu empfinden. Es brachte mich schier zur Verzweiflung, wenn ich sah, wie sie mit dürrer Hand ihre Taschen nach einem Fetzen Papier, nach einem Stift durchwühlten, ihre armseligen, abgetragenen Handtaschen umstülpten, um etwas zu finden, worauf sie die Telefonnummer hätten schreiben können, um sie mir zu geben. Dort hat kaum jemand Visitenkarten. Und irgendwann, als ich abschätzte, wie viele Leute noch im Saal waren, wieviel Zeit ich noch mit jedem von ihnen verlieren würde und daß ich das noch mindestens eine Stunde über mich würde ergehen lassen müssen, geriet ich vollends außer mir. Sie hatten es ja leichter, sie waren gekommen, um mich zu sehen, die meisten von ihnen wollten mich um etwas Konkretes bitten. Außerdem sind sie es gewöhnt, ja es ist ihnen fast ein masochistisches Vergnügen, Schlange zu stehen. Also sagte ich mit der heiseren Stimme, die ich, wie du weißt, nach Vorträgen immer habe, zu ihnen: ‚Ich danke euch, meine Lieben, daß ihr gekommen seid, um mir zuzuhören! Leider muß ich mich zurückziehen, aber ich bleibe noch einige Tage hier und bin mir sicher, daß wir Gelegenheit finden werden, miteinander zu reden!’“

Er hält inne, verwirrt durch die Bedenklichkeit, die er in ihrem Blick liest:

„Langweile ich dich mit meinen Geschichten?“

„Du mich langweilen? Wie kommst du darauf? Ich höre dir sehr aufmerksam zu. Ich muß dir aber sagen, es war nicht besonders elegant, wie du dich da aus der Affäre gezogen hast.“

„Aber es war doch gar nicht meine Absicht, mich aus der Affäre zu ziehen. Ich war entschlossen, vor der Abreise wenigstens die Nummern, die sie mir auf Papierschnipseln in die Hand gedrückt hatten, anzurufen. Ich steckte sie in die Jackentasche und kam nun nicht umhin, mit den Lokalgrößen, den Leuten vom Institut, dem Professor Stan und seinen Mitarbeitern ins wahrscheinlich eleganteste Restaurant der Stadt zu gehen. Von der Familie kam, wieso, weiß ich nicht, außer dem Cousin Victor niemand mit. Im Restaurant war es schrecklich heiß. Ich bat, die Jacke ausziehen zu dürfen, und hängte sie über die Stuhllehne, doch jemand, vielleicht der Kellner oder Cousin Victor, brachte sie freundlicherweise zur Garderobe, wo ich sie auch bald wieder abholte, als man ein Fenster öffnete, um den Saal zu lüften. Es wurde furchtbar viel geraucht, wie man dort eben raucht, ohne jede Rücksicht auf Nichtraucher. Vielleicht habe ich mir wegen des offenen Fensters eine Erkältung geholt, oder es war eine allergischer Schnupfen durch den Rauch.

 

*

 

Er merkt, daß er unzusammenhängend spricht, daß er nicht zu erklären vermag, was passiert ist. Er tupft seine feuchten Wangen mit dem Taschentuch ab und tastet in seiner Hemdtasche nach der Tablettenschachtel. Er will sie herausholen, dann überlegt er es sich anders.

„Im Restaurant habe ich nicht nachgesehen, ob die Zettel mit den Adressen noch dort waren, sie müssen aber noch dort gewesen sein, denn wenn ich sie unterwegs vom Institut zum Restaurant verloren hätte, wären sie mir sofort gebracht worden, weil uns ein ganzer Zug von Bewunderern vom Kulturzentrum bis zum Restaurant in einigem Abstand folgte. Die Entfernungen waren gering, auch das Hotel war nicht weit. Allerdings war es, als ich das Restaurant verließ, spät geworden, keine Spur mehr von Bewunderern um diese Zeit, nur ich mit dem Cousin Victor. Ich ging dann auf mein Zimmer. Ich hatte eine ganz schlimme Nacht, mit Kopfschmerzen und Atemnot, ob nun vom Schnupfen oder von der Aufregung oder von beidem. Da mir nicht gut war, ging ich am nächsten Tag gar nicht aus dem Zimmer. Sie brachten mir ein paar fade Tees, ich war aber dermaßen kaputt, daß ich nichts zu mir nehmen konnte.“

„Du hast mir bisher gar nicht gesagt, daß du dort krank warst!“

„Ich habe es dir nicht gesagt, weil ich mich aufrege, sooft ich mich daran erinnere … Der arme Victor legte damals seine ganze Hingabe an den Tag! Er hielt ständig Wache bei mir, dieses Ungetüm von einem Menschen bewegte sich geräuschlos wie eine Katze durchs Zimmer! Ich schimpfte mit ihm, er solle gehen und sich ausruhen, konnte ihn aber nicht überzeugen. Victor bestand auch darauf, daß ich einen Arzt rufen ließe, es war aber nicht nötig. Gegen Abend ging es mir viel besser, der Nebel über meinem Hirn lichtete sich. Da erst fielen mir die Zettel mit den Adressen wieder ein, doch in der Jackentasche fand ich nur das Taschentuch. Ich vermute, daß ich es herausgeholt habe und mit ihm die Zettel, die mir dann dummerweise entfallen sind. Pech, ein Unglück … Hätte ich sie doch nicht so achtlos in die Tasche gesteckt! Es ist der einzige, der absolut einzige Moment, in dem ich sie habe verlieren können.“

Er weicht Christas Augen aus, ihrem so klaren, intensiven, bei Tageslicht so kalten Blau. Sie hätte gewiß kein Papierknäuel mit Namen und Telefonnummern in eine Jackentasche zu einem Taschentuch gesteckt, sie hätte sie nicht einfach so durch Zufall im Dunkeln auf der Hauptstraße einer riesigen Provinzstadt verloren. In der Hauptstadt eines provinziellen Landes.

Er fühlt sich jetzt noch schuldiger als damals, als er im Hotelzimmer in die leeren Taschen griff. Oder spürt er erst jetzt, da er Christa von dem Vorfall erzählt, wie sehr er sich schuldig gemacht hat?

 

*

 

„Das ist sicher unangenehm, diese Sache mit den Zetteln, aber ich glaube, du mißt ihr zuviel Bedeutung bei. Selbst wenn du die Adressen nicht verzettelt hättest, du warst viel zu kurz dort, als daß du hättest Besuche machen oder deine Zeit mit protokollarischen Abschiedsanrufen vergeuden können. Deine Unzufriedenheit geht auf unrealistische Erwartungen zurück, was ich dir übrigens schon bei deiner Abreise von hier gesagt habe: Was du dort zu finden glaubst, gibt es nirgendwo mehr, nur noch in deinem Kopf! Das weiß ich sehr wohl aus eigener Erfahrung, immer wenn ich zurückgekehrt bin, habe ich dieselben Enttäuschungen erlebt wie du …“

Es hat keinen Sinn mehr, in diese Konditorei zu gehen, sagte Hermann und legte seinen Arm um deine Schultern, nicht unbedingt aus Sparsamkeit, wenn das auch kein zu verachtender Grund ist, aber das Eis schmeckt, meine ich, nicht so gut wie das in unserem Viertel, und die Erinnerungen an dieses Haus tun dir weh. Dir aber, tut es dir denn nicht weh, dich an deine Verlobung mit Klara zu erinnern, die ebenfalls hier stattgefunden hat? Es wäre viel besser gewesen, wenn du ihm diese Frage, die du nie vergessen wirst, nicht gestellt hättest, was hatte es denn für einen Sinn, ihn an die Verlobung mit deiner Schwester zu erinnern, wo du doch besser weißt als er, wessen Kind es war, das Klara nicht mehr zur Welt bringen konnte, weil sie beide sterben mußten, im Bombenhagel erstickt, verbrannt. Damals waren wir andere Menschen und lebten ein anderes Leben, sagte Hermann weise. Du wirst ihn ansehen, als sähest du ihn nicht, du wirst mitten unter ihnen schlafwandlerisch durch den grünen Duft der Frische, durch das samtgoldenen Licht gehen. Es wird drei Wochen und drei Tage vor der Explosion im Werk sein, bei der Hermann sterben wird.

 

*

 

„Die Orte, die Dinge verändern sich ebenso wie die Menschen, obwohl sie widerstandsfähiger sind als diese. Verändert hatte sich auch unser ehemaliges Haus, das zur Konditorei geworden ist, nach Kriegsende eine Weile die Konditorei der Franzosen, wir waren in ihrer Besatzungszone. Es wurde ein Schachzimmer eingerichtet, und in unserem ehemaligen Garten wurde mit teuren Möbeln in neumodischem Design ein Innenhof eingerichtet. Die Preise waren so hoch, daß ich es mir ein einziges Mal leistete, dorthin zu gehen, mit Hermann und den Kindern, denen meine Erinnerungen völlig egal waren, mochte ich noch so schwelgen darin: Das dort war mein Zimmer, das ist das Fenster unseres Eßzimmers. Ich schwor mir, keinen Fuß mehr dorthin zu setzen, dazu hätte es aber auch gar nicht kommen können, denn weniger als eine Woche später ereignete sich die Explosion bei der BASF. Auch die Konditorei an der Hauptstraße war eine Zeitlang wegen Renovierung geschlossen, an sämtlichen Häusern der Innenstadt waren die Fensterscheiben unter der Druckwelle geborsten.“

„Wie kam es überhaupt dazu? Wer war schuld?“

„Das ist eine wirre Geschichte, du hast mich schon danach gefragt, und ich habe sie dir erzählt! Die Beweisaufnahme und die

 

About this issue

This July, The Observer Translation Project leaves its usual format to present a special CRISIS ISSUE. Things are tough all over. Hard Times suddenly feels like the book of the moment. The global economic crisis impacts life as we know it, and viewed from Bucharest the effects reverberate in domains that include geo-politics and publishing in Romania and abroad, with the crisis at The Observer Translation Project as an instance of a universal phenomenon. read more...

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Author: Vasile Ernu
Translated by: Monika Oslaj

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