Der immergleiche Weg eines jeden Tages

Gabriela Adameşteanu | February 01, 2009
Translated by: Georg Aescht

 

Kapitel 1

 

Einige Jahre schliefen wir alle in einem Zimmer, Mutter, Onkel Ion und ich, von dem Herbsttag an, wenn zum ersten Mal Feuer gemacht wurde, bis zum Ende des Frühlings, im Mai. Damals dachte ich betrübt, mir würde nie etwas Besonderes passieren, und mit diesem Gedanken kam ich über die Tage bis zu jener Nacht, als der Pförtner des Heims in unser Zimmer trat, sich zwischen den fünf Betten vortastete, das Licht einschaltete und sagte:

„Wer von euch ist Letiţia Branea? Da war ein Anruf, sie soll sofort nach Hause fahren.“

Ich sah zum ersten Mal seinen unsicheren Blick, und unter den erleichterten und mitleidigen Augen der Mädchen löste ich mich von mir selbst und schlüpfte in die mir zugedachte Rolle, mit der Ahnung oder dem Anfang eines Schmerzes, dem ich beim Wachsen zuschaute und den zu tragen ich mich zwang, so wie ich es im Kino gesehen hatte.

Manchmal blieb ich in dem Zimmer trotzdem allein, Mutter war in der Arbeit und Onkel Ion hatte Unterricht, er ging früh aus dem Haus, denn es war weit bis zur Schule, er mußte eine gute Strecke des Wegs zu Fuß gehen und kam mit seinem kranken Bein nur langsam voran. Wenn ich erwachte, wärmte die Sonne den Staub auf den eng zusammengerückten Möbeln. Hin und wieder betrachtete ich durchs Fenster die Farbe der jeweiligen Jahreszeit auf den Hügeln hinter der Stadt und, in den sehr klaren Morgenstunden des Frühlings, die rosafarbenen Umrisse der fernen Gebirge, flüchtig und unwirklich wie Cirruswolken, die sich in der entschlossenen Wärme des Mittags auflösten. Ich stieg auf die unverputzte Brüstung des Balkons und sah hinaus, wenn ich die Hand ausstreckte, berührte ich die Zweige des Birnbaums, die plötzlich biegsam waren von den unsichtbar steigenden Säften, und das weiße Licht überflutete mich mit der undeutlichen Freude des Anfangs. Dort in den Hügeln mit       schütteren blauen Wäldchen endete die Stadt, geteilt durch den Boulevard, der von allsommerlich zu Kugeln zurechtgestutzten Akazien gesäumt war, mit staubigen Gassen, die steil zum steinigen Flußbett abfielen, mit Häusern, von deren Mauern und Balkonen der Putz blätterte, mit langgezogenen Innenhöfen, die sich vier, fünf, sechs Familien teilten, und der Kaserne, aus deren Kellerfenstern mir die Soldaten hinterherpfiffen, mit der komplizierten Äderung der unter den Schritten gesprungenen Decke der Bürgersteige, der Großen Straße und den beiden Lyzeen – also mit allem, womit mein Körper in müder Vertraulichkeit eins war.

Ich vergäudete diese ungewissen Stunden des Alleinseins, in denen ich mich unschlüssig und doch bewußt allem entzog. Im Summen des Zählers im Vorzimmer hörte ich die Zeit, in der jederzeit was immer beginnen konnte. Ich vergaß mich lesend im Bett, spät erst stand ich auf und trat in den engen Raum zwischen der Bibliothek des Onkels und der Anrichte. Ich holte mir immer blaue Flecke an den Beinen beim Gang durch diesen Engpaß, den der Onkel Thermopylen nannte. Wenn ich den Schrank öffnete, kamen mir die Kleider entgegen, Staub und Naphtalingestank verströmend. Ich trat mit einem Arm voll davon vor den Spiegel und zog sie der Reihe nach an, lächelnd oder mit dem Versuch, einen leidenden Ausdruck zu mimen, wobei ich mich ganz aufs Gesicht konzentrierte wie bei einer Großaufnahme im Kino. Ein paar zerknitterte Kleider aus blumiger Naturseide, andere aus dünnem Stoff mit dreieckigen Schulterpölstern und besticktem Kragen, Hüte aus weichem Samt mit schiefer Krempe und Gummibügel im Nacken. Ich fragte mich, wann Mutter sie getragen haben mochte, ich kannte sie seit eh und je nur mit jenem großkarierten Herrenschal, der von Vater geblieben war und sich ihrem Kopf nie anschmiegte, sondern starre Falten über ihrer immer grauer werdenden Dauerwelle warf.

An Vater erinnerte ich mich nicht mehr, wußte aber, daß ich ihn nie hätte vergessen dürfen. Deshalb vermied ich es, an ihn zu denken, und hoffte, daß ich irgendwann zur rechten Zeit verstehen und ausreichend leiden würde, mehr noch als Mutter. Dafür erinnerte ich mich an ein anderes, großes Zimmer voller fremder Menschen, in dem alle Lichter brennen, fremde Herren mit Kappen grölen, während Mutter mit aufgeknöpfter Bluse und verrutschtem Rock weint und schreit. Und plötzlich bekomme ich solche Angst, daß ich irgendwo unterkrieche, wohl unter den Tisch. Dort sitze ich in der Hocke, reglos, obwohl die Tür zugeknallt worden ist, ich höre, wie mein Herz gegen meine Knie pocht, und Mutter weint immer noch.

Dann erinnere ich mich noch an das Schlangestehen vor der Gasabfüllanlage, wo ich dem Onkel den Platz hielt. Viele Stunden im grellen Licht der Mittagssonne. In die festgetretene, mit Ölflecken übersäte Erde waren die Kästchen des Hüpfspiels mit einem Nagel eingeritzt, in Grüppchen saßen strickende Frauen, die über ihre Kinder und viel seltener über ihre Männer sprachen. Wenn unverhofft Bewegung in die Schlange kam, ging es rasch und mit großem Geschrei und Geschiebe voran, während manch ein schmächtiger Junge auf seiner berußten, mit einer Zeitung abgedeckten Gasflasche aufschrak, den verstörten Blick vom Buch hob und wie blind herumzufuchteln begann. Spät erst gingen ein paar Straßenlaternen und der rote Stern auf dem höchsten Gebäude der Stadt an. Ich trat aus der Schlange und zählte sie ab. Nur noch sechsundzwanzig, flüsterte ich, und dann, wenn nur noch etwa zehn übrig waren, konnte ich endlich zwischen ihnen hindurch die dünnen gelbgepinselten Blechwände des Schuppens sehen. Ich starrte auf die beiden Glaszylinder, in denen die Flüssigkeit unhörbar und mit winzigen Blasen aufstieg. Je näher ich kam, desto atemberaubender war der Gestank von Gas und Benzin. Mit aufgekrempelten Ärmeln betätigte der Gasmann unablässig den Pumpenhebel.

„He, wieviel willst du? Schläfst du denn im Stehen?“ fuhr er mich an.

Dann streckte ich die Hand mit den feuchten zerknitterten Scheinen aus, sah mich verzweifelt nach Onkel Ion um, gemeinsam schleppten wir die Gasflasche, die zwischen uns am Wäscheknüppel baumelte.

Dann waren da noch die drei Häuser, bis zu denen die Schlange vor dem Brotgeschäft reichte. Dort erspürte ich förmlich mit geschlossenen Augen die ungleichen Abstände zwischen den drei viereckigen, rostfleckigen Regenrohren und den bräunlichen Flecken im alten Putz, an denen man ermessen konnte, wie es vorwärtsging. Irgendwann war ich bis zu der Stange vorgedrungen, stützte mein Kinn darauf und starrte in das pergamentene Gesicht der Verkäuferin, aus dem an Oberlippe und Kinn vereinzelte Haare und Warzen hervostachen. Unter dem blaugetupften Kopftuch, das sie im Nacken gebunden hatte, hingen fettglänzende und schuppengepuderte Haarsträhnen heraus. Ein olivbrauner untersetzter Mann mit aufgeregt wehendem Mantel wachte am Rande des Gehsteigs und verscheuchte jeden, der sich vordrängen wollte.

„Schneller!“ keifte die Frau, wenn die Leute in den Taschen nach den orangefarbenen Brotmarken kramten.

Und schmiß die runden schwarzen Brote auf das Brett in der Durchreiche.

„Warum hast du sie nicht zu Hause geschnitten“, fragte sie und wischte die mehlige Hand am Kittel ab, während sie mit der anderen nach dem zerknüllten Papierschnipsel grapschte.

Nachmittags, wenn ich in der Schule war, bereitete Onkel Ion seinen Unterricht oder Politseminare vor, und Mutter kochte in der Sommerküche. Diese hatte uns der junge Inhaber überlassen. Es hatte ein Zeit gegeben, da kochte Mutter im Flur zwischen unserem und ihrem Zimmer, dann hatte er gesagt, sie müßten da durchgehen, und die Eingangstür an der anderen Seite zugemauert. Sie zogen, wenn sie ins Zimmer gingen, die Schuhe aus und ließen sie auf dem Flur, nach einiger Zeit auch die Strümpfe, die gewaschen werden mußten. Wenn ihre Tür offenstand, schlug einem warme Luft entgegen, die nach billigem Parfüm roch, nach Kleinkind und nach den Windeln, die ungewaschen über dem Herd hingen. Wenn Sorin nur hineingepinkelt hatte, ließen sie sie einfach trocknen. Mutter kam herein und sagte:

„Sie machen das absichtlich – ich halt es dort nicht mehr aus.“

Sie hatte ein Leberleiden und bekam gleich Anfälle von Übelkeit.

„Und was willst du tun?“ sagte Onkel Ion, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen mit dem Handrücken. „Das ist es nun mal. Meinst du, du hast etwas davon, wenn du sie gegen dich aufbringst? Willst du auf der Straße landen?“

„Du hast leicht reden, du sitzt hier und liest“, sagte Mutter, zu schnell und zu laut. „Er bringt es nicht fertig, einem in die Augen zu sehen, wenn er mich sieht, wendet er sich ab, dabei habe ich ihm gar nichts getan. Ein Armleuchter, ich verstehe nicht, wie er es dorthin geschafft hat, wo er ist.“

„Wieso wunderst du dich, als wäre er der einzige“, antwortete der Onkel überdrüssig, setzte seine Brille wieder auf und vertiefte sich ins Buch.

Als das Kind getauft wurde, kamen wir die ganze Nacht nicht zum Schlafen. Sie hatten das Radio bis zum Anschlag aufgedreht, brüllten und sangen. Als sie besoffen waren, kam der junge Inhaber an unsere Tür und trommelte mit den Fäusten dagegen.

„Raus aus meinem Haus, ihr verdammten Legionäre!“ brüllte er. „Ich mach euch fertig ...“

„George, komm herein, George“, übertönte Cornelias Stimme das Gebrüll und Getrampel. Er stieß sie fluchend zurück, sie bettelte weiter mit weinerlicher Stimme:

„Komm ins Haus, du erschreckst das Kind.“

„Laßt sie, sie sind betrunken“, flüsterte Onkel Ion.

Er hatte der Kopf im Kissen vergraben und ächzte vor verhaltener Wut. Nur Mutter war aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab. Im Dunkel sah ich unter dem ausgebleichten Nachthemd ihre weichen Brüste wippen, gegen die ich mich als Kind so gerne gestemmt hatte, wenn Mutter mir die Schuhe anzog.

Nachts schnarchte Onkel Ion. Ich weiß nicht, ob immer schon, aber einmal erwachte ich, als der Inhaber mit seiner Frau in den Flur traten.

„Verdammte Hure, du kannst es nicht lassen, ich bring dich um.“

Nur ich erwachte, der Onkel schnarchte weiter. Damals hörte ich sein Schnarchen zum ersten Mal, ich konnte nicht wieder einschlafen und warf mich in den warmen Bettlaken herum, die waren fadenscheinig und rissen. Mit den Zehenspitzen tastete ich die zahlreichen Knoten in der Matratze ab, und aus dem Flur kamen dann und wann die Schläge der Pendeluhr. Ich spürte, wenn es wieder soweit war, und hielt den Atem an, trotzdem fuhr ich bei jedem Schlag zusammen, als wäre ich gerade schmerzlich unsanft geweckt worden. Dann begann ich die Doppelschläge zu zählen, und als sie schließlich ausklangen, floß die Nacht nicht mehr weiter, sie erstreckte sich wieder endlos.

„Wieso wühlst du denn dauernd, sei doch mal still“, brummte Mutter im Schlaf und stieß mich feindselig an.

Der Onkel schnarchte lautstark weiter, hin und wieder mit einem trillernden Pfeifton zwischendurch. Dann begann in der Nachbarschaft ein Hund zu heulen, in regelmäßigen Abständen schickte er gewissenhaft seinen schaurigen Ruf zum Himmel. Da dachte ich an Vater, erinnerte mich an das Paket, das Mutter zuletzt für ihn zurechtgemacht hatte, mit Speck, Wollsocken, Zigaretten der Marke Mărăşeşti, und mit dem sie am Abend danach unverrichteter Dinge und völlig durchfroren zurückkehrte, sie hatte umsonst vor dem Tor Schlange gestanden, die haben es nicht angenommen, sagte sie und dann zwei Tage lang kein Wort mehr. Vielleicht war er gar nicht in ein anderes Gefängnis verlegt worden, wie Onkel Ion mir damals sagte, vielleicht war er wirklich schon gestorben, dachte ich und begann zu weinen, still, lautlos. Am Fenster erschienen die ersten morgendlichen Flecken, als ich unmerklich, erleichtert vom Glück der Tränen, einschlief.

Seit damals fürchtete ich das Schnarchen des Onkels. Ich weiß nicht, ob ich wirklich an Schlafmangel litt, doch mir schien, als müßte das so sein. Ständig zählte ich die Stunden, die ich geschlafen hatte, und versuchte, früher schlafen zu gehn. Während sie sich im Zimmer noch bewegten und miteinander flüsterten, zog ich mir noch ein Kissen über den Kopf und vernahm nur noch dumpf die Pendeluhr. Nein, sagte ich mir, solange es hell ist, wird es nicht klappen. Irgendwann kam auch Mutter, sie hatte fertig gespült oder vorgekocht, und die alten Stahlfedern des Schlafsofas krachten unter ihr, während sie ächzend ihre gewohnte Stellung suchte. Ich hörte den Atem des Onkels lauter werden, meine Anspannung wuchs, und schließlich ertönte der erste Schnarchton. Dann entspannte ich mich, ging leise bis zu der Liege am Fenster und zog ihn an den dicken, rauhen Zehen.

„Dreh dich zur Seite“, flüsterte ich, „dreh dich zur Seite.“

Hilflos zupfte ich an meinem weichen Pyjama.

„Wenn du mich weckst“, sagte er mir morgens, „kann ich bis zum Morgen nicht mehr einschlafen.“

Manchmal aber drehte er sich zur Seite und begann schwer keuchend zu atmen.

 

Als ich dann vormittags zur Schule ging, waren wir nachmittags zu dritt im Zimmer. Onkel Ion war von der Abendschule zum regulären Unterricht befördert worden, zwei Jahre nachdem ein neuer Direktor ernannt worden war, mit dem Onkel Ion, wie Mutter sagte, gut konnte. Der Direktor absolvierte ein Fernstudium, und vor den Prüfungen kam er zu Onkel Ion, der ihm die Arbeiten schrieb. Am meisten aber schätzte er Onkel Ion wahrscheinlich, sagte Mutter, weil dieser keinen Auftrag verweigerte und alles tat, was man von ihm verlangte.

„Am Ende macht man’s ja doch“, sagte er, lehte sich im Stuhl zurück und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die, von dem grauen schütteren Haar verlassen, immer höher wurde. „Es hat keinen Sinn, sich anfangs zu weigern und später, weil es doch sein muß, erst recht zu gehn. Damit gerätst du in einen gewissen Ruf, und die vergessen dich nicht.“

„Keiner sagt, man soll nichts tun“, fuhr Mutter auf, „aber das ist ja kein Zustand, daß du keinen einzigen Sonntag frei hast und alle Kulturheime abklappern mußt.“

„Mach dir keine Sorgen, da gehen auch andere hin, die sind allerdings jung“, sagte er und sank resigniert in sich zusammen. „Die tragen kein Zeichen auf der Stirn. Die haben kein Sündenregister wie ich.“

„Du bist vielleicht gut“, sagte Mutter mit heruntergezogenen Mundwinkeln, die enttäuschtes Erstaunen ausdrücken sollten. „Du bist wirklich gut. Was hast du denn verbrochen, deinen Vater umgebracht oder was? Statt dich zu verteidigen wie andere, setzt du dich selbst ins schlechte Licht.“

„Mach ich überhaupt nicht!“ erwiderte er aufgebracht. „Ich setz mich nicht ins schlechte Licht. Ich komme gut aus mit allen, auch mit dem Direktor. Wieso schaust du mich so an?“ fragte er, als er ihr ironisch mitleidiges Lächeln sah. „Als der Stundenplan gemacht wurde, hat er denn da nicht darauf bestanden, daß ich weniger Leerstunden bekomme, um keine Zeit zu verlieren, weil ich so weit von der Schule wohne? Und das, ohne daß ich ihn darum gebeten hätte. Du bist aber so, du schaust dich in einem fort um, ob es jemandem besser geht als dir.“

Hatte er sich in den Jahren, als er gemieden wurde und sich bedroht fühlte, abgefunden mit dem Gedanken, daß sein Leben sich nach anderen Regeln zu richten hatte als das anderer, oder hatte er immer schon mit kindlichem Stolz und Dankbarkeit das als Geschenk angenommen, was andere als normal und ihnen zustehend betrachteten? Ich habe damals nicht darüber nachgedacht und konnte es später nicht mehr herausfinden. Wenn er sich aber plötzlich durch ein unerwartetes Wort in seiner Schutzlosigkeit angegriffen sah, konnte er sich mit dieser Art Bosheit wappnen, und nun betrachtete er fast mit Genugtuung Mutters Gesicht, in dem sich eine gekränkte Ratlosigkeit breitmachte. Bis ihre Züge sich schließlich zum Weinen verzerrten.

„Wenn auch du das sagst, was kann ich dann von andern noch erwarten? Wo ich doch alles, was ich tue, nur für euch tue ... Ich selbst erwarte schon lange nichts mehr vom Leben. Aber das glaubt einem keiner, und die eigenen Leute noch weniger als Fremde.“

„Dann beklag dich doch bei denen.“

Das hatte er auch noch draufsatteln müssen, und jetzt ordnete er auf seiner Tischhälfte die Sachen, mit trotzig verfinsterten Ringen um die Augen und zusammengekniffenen Lippen.

Empört sah ich von meinen Schulheften auf, meine Augen funkelten vor Zorn:

„Wie kannst du ihr so etwas sagen, ist sie denn nicht geplagt genug?“ fuhr ich ihn an, als hätte ich nicht viel öfter Streit mit meiner Mutter gehabt. Sie ging in die Küche, zog die Tür heftig hinter sich zu, und nun, in ihrer Abwesenheit, konnte ich mich nicht mehr so recht an meinem Eingreifen freuen.

„Mit euch in diesem Haus kann man nicht arbeiten.“

Die Bestimmtheit war aus seiner Stimme gewichen. In dem folgenden Schweigen spürte ich die Unruhe, die ihn nach jedem Streit vergiftete, es war sein altes Unvermögen zu kämpfen, er übertünchte seine Unsicherheit mit Großzügigkeit. Nach einer Zeit schlich er schweren Schrittes aus dem Zimmer. Sie kamen zusammen zurück, machten sich Zeichen, tuschelten, und ich konnte mir ihre Gesichter vorstellen, obwohl ich ihnen den Rücken zudrehte. Das ärgerte mich, und ich rief mit der Berechtigung meiner gerade erst gewonnenen Überlegenheit:

„Hört doch endlich auf, wie soll ich denn bei diesem Gesäusel etwas lernen? Wäre ich doch im Internat, dort schweigt man wenigstens, wenn die Leute lesen.“

Das sagte ich nur so, zu gut kannte ich das alte Gebäude, die wie vom Feuer geschwärzten, bekritzelten und zerkratzten Bänke, die bei jeder Bewegung knarrten, die aufgeheizte verbrauchte Luft, die nach Kohleofen und Schuhcreme stank. Außerdem wohnte ich in der Stadt, und das war eines der wenigen Privilegien, dessen ich mir bewußt war. Mutter verzog sich an ihren Platz in der Küche, Onkel Ion setzte sich ans andere Tischende und bereitete seinen Unterricht für den nächsten Tag vor, wobei er mit dem Bein wippte. Irgendwann hörte ich auf zu lesen, der Rauch der Zigarette, die er in dem kleinen Aschenbecher aus taubem Silber vergessen hatte, machte mir zu schaffen, und das unablässige Wippen seines Fußes zog mich in seinen Bann. Ein ungutes Gefühl wie Schädelbrummen ließ mir keine Ruhe, und plötzlich stellte ich fest, wie leid es mir tat, daß ich ihn angeschrien hatte. Heimlich streckte ich unter den sorgfältig eingebundenen Büchern die Hand aus, ich war sicher, Onkel Ion würde nichts merken, dann aber hörte ich ihn:

„Laß den Dostojewski, die werden dich in der Prüfung nicht nach ihm fragen. Oder willst du etwa hier bleiben und an der Großen Straße dein Leben fristen?“

Es war der erste Roman von Dostojewski, der erschienen war, ich wußte nur etwas vom Hörensagen über ihn und entschied, noch bevor ich ihn aufschlug, entschlossen, daß er großartig sei und mir gefallen würde. Beim Lesen verkniff ich mir das Eingeständnis, daß ich enttäuscht war, und rang mir gewissenhaft allerhand Offenbarungen ab.

„Ich schaff die Prüfung eh nicht“, trumpfte ich unsicher auf.

Ich mit meiner schlechten Akte hatte in der Tat alle Aussichten, abgewiesen zu werden. Irgendwie erhoffte ich mir das sogar und nahm mir vor, in eine andere Stadt zu gehen und in einer Fabrik zu arbeiten, so wie es in vielen Büchern stand, die ich las, und auch in den Zeitungen. Ich würde dann nicht mehr mit Onkel Ion und Mutter wohnen, müßte nicht mehr daran denken, daß ich sie, wenn ich durch die Aufnahmeprüfung fiel, zum Gelächter der ganzen Stadt machen würde. Vor allem aber würde dort ständig allerhand Unvorhergesehenes auf mich zukommen und meine Zeit nicht wie jetzt im Alltagstrott versickern. Dann aber mündete meine Furcht vor den Herausforderungen, die mich erwarten würden, gleich wieder in Zweifeln, und ich sagte mir schnell, daß so etwas viel zu ungewöhnlich sei, als daß es mir passieren könnte.

„Nichts als Flausen hast du im Kopf“, bemerkte Onkel Ion abschätzig, als ich ihm einmal etwas von diesen Gedanken andeutete. „Was willst du denn in einer Fabrik? Siehst du denn nicht, daß du alles kaputtmachst, was du in die Hand nimmst? Lern lieber anständig kehren.“

 

Etwas Unangenehmes und Peinliches geschah mit meinem Körper. Zuerst dachte ich, ich wäre krank und würde sterben. Ich traute mich nicht, Mutter etwas zu sagen, doch abends im Bett betastete ich meine schmale Brust, die weh tat. Unter der Haut spürte ich seltsame kleine Plättchen, die mir unter den Fingern wegrutschten, wenn ich drückte. Krumm vor Sorge tastete ich mich überall ab, bis meine Finger unter den mit Kratzern übersäten Armen anlangten. Dort waren ein paar seidige Härchen zu spüren, von denen ich noch nichts gewußt hatte. Jetzt konnte ich einmal im Monat auch mein Blut sehen, ich wusch heimlich mein beflecktes Höschen, ein bißchen tropfte auch noch am zweiten Tag, dann hörte es auf und ich freute mich, daß ich gesund geworden war, von selbst, ohne Arzneien. Doch dem war nicht so, und als die Mädchen in der Pause zur Sandgrube gingen, um Völkerball zu spielen, blieb ich am Zaun. Wenn ein Arzt oder eine Schwester in die Klasse trat, begannen meine Wangen zu brennen und meine Ohren zu klingen. Ich rang die feuchten Hände unter der Bank, versuchte das Zittern einzustellen, das mich packte, und starrte mit krampfhaft gleichgültigem Blick zum Fenster hinaus, während meine Mundwinkel gegen meinen Willen bebten.

Irgendwann schien auch Mutter etwas zu bemerken, denn als wir zu dritt an den Fluß gingen, gab sie mir einen kleinen Büstenhalter, der mal nach der einen, mal nach der andern Seite verrutschte. Ich wagte mich nicht zu rühren und saß am Ufer. In der glühenden Sonne schmorten die Schnecken, ihre silbrigen Schleimspuren waren zu einer durchscheinenden Kruste erstarrt, die knisternd zersprang, wenn ich sie berührte. Ich saß schmollend auf dem mit samten glänzenden Kieseln übersäten Sand, der jedes Frühjahr vom Fluß überspült wurde, und preßte die Beine eng zusammen.

„Geh doch auch ins Wasser, wieso sitzt du wie eine Glucke hier herum“, rief Onkel Ion.

Er hatte seine kriegsversehrtes Bein an der Sonne ausgestreckt, eine bläuliche Narbe zog sich breit bis zum Knie hinauf. Wenn er sich zu sehr anstrengte, sprang sie auf und heilte monatelang nicht zu. Jetzt betrachtete er aufmerksam die Wunde, die käseweißen, fleischigen Schultern mit großen Sommersprossen und Muttermalen gebeugt. Aus dem einen wuchsen dünne schwarze Haare. Mutter lag mit geschlossenen Augen, den Kopf auf einem Handtuch, daneben, kleine Fliegen oder Mücken krabbelten auf ihr herum, ich sah sie nicht, sondern hörte nur das Klatschen ihrer Hand. Der Büstenhalter preßte ihre weichen Brüste zusammen, deren Haut am Ansatz leicht verrunzelt war, und im Fleisch der Schenkel zeichneten sich zwei schräge Falten ab.

Vielleicht hatte ich sie noch nie so unbekleidet gesehen, jedenfalls scheute ich mich, hinzuschauen. Der Kopf brummte mir vom Rauschen des Flusses, das Licht und das grauweiße Glitzern des Wassers machten mich schwindlig. Ich hörte die Rufe der Kinder und sah, wie sie herumtollten und sich gegenseitig bespritzten, alle einander ähnlich mit ihren nackten Leibern und bunten Höschen. Nur ich war plötzlich beschämend unähnlich.

„Laß mich in Ruhe!“ rief ich zu Onkel Ion hinüber. „Laß mich in Ruhe ...“

Ich verzog mich ins Pappelwäldchen. Der Wind rauschte in den rastlosen harten Blättern, es roch nach Holunderblüten und nach Wasser. Ich kniete an einem dicken Baum mit rauher, weiß verstaubter Borke nieder, kratzte vertrocknete Flechten ab und wollte nichts als nach Hause.

 

„Du brauchst nicht so zu erschrecken“, sagte Mutter zu mir.

Wir waren beide in der Sommerküche, die Gaslampe flackerte, bis hierher hatten sie den elektrischen Strom noch nicht gezogen. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, nur ihre Hände, wie sie flink über den Töpfen hantierte. Unsere unscharfen Schatten schwankten über die Wände und wurden an der Decke merkwürdig im rechten Winkel abgeknickt.

„Es ist nichts passiert, du bist nur gewachsen und hast deshalb etwas früher deine Tage gekriegt ... Von jetzt an mußt du besser aufpassen, dich öfter waschen, du bist jetzt kein ...“

„Ich will keine Frau werden wie ihr!“ schrie ich, als mir plötzlich aufging, was sie sagen wollte.

Ich haßte ihr Fleisch, das ich förmlich unter ihren Röcken hängen sah, die schweren Brüste, den dicken Bauch und die breiten Hüften und den Stift, mit dem sie ihre Lippen anmalten, und das Puder, ohne das sie nicht aus dem Haus gingen und all das, was sie über Kinder oder Kochen schwatzten.

„Ich will keine Frau werden wie ihr!“ schrie ich.

Ich bebte vor Wut und Ohnmacht. Ich knallte die Tür zu und versteckte mich unterm Flieder, um zu weinen, doch Mutter wußte, daß ich dort war, ich konnte nirgendwo sonst sein. Mutter hatte den Hof gesprengt, und die Kühle drang bis zu mir, ebenso das Licht von der Veranda, so daß ich mit Blättern zu spielen begann, die für mich Menschen waren.

Dann rief mich Cornelia an den Zaun, und ich ging auch hinaus, alle Kinder hockten dort auf der Straßen und schlugen Steine zusammen, damit Funken stoben, die Mädchen kicherten. Ich neigte mich über das Kanalgitter, durch das ein übler Geruch aufstieg, in der Tiefe hörte man es gurgeln, einige sagten, dort unten sei eine Schlange.

„Ach was, Schlange, paß mal auf, wie tief unten das Wasser ist“, sagte Fane.

Er lehnte sich über meine Schultern und warf einen Stein hinab, spät erst hörten man ein Platschen.

„Letiţia!“

Der Stimme nach war Onkel Ion böse, vielleicht hatte er mehrere Male gerufen, aber ich antwortete auch jetzt nicht, ich hatte keine Lust, schlafen zu gehen. Wir schubsten uns abwechselnd weg, weil jedes den nächsten Stein werfen wollte, als der Onkel mich bei der Hand packte und in den Hof zerrte.

„Hast du jetzt schon damit angefangen?“ brüllte er.

Sein Gesicht war schwarz vor Wut oder vor Dunkelheit, doch nicht darüber erschrak ich, sondern über die Stimme, mit der er mich anschrie. Und plötzlich glitt der Himmel über die Häuser, schrillten die Sterne auf, ich verstand weder, was er sagte, noch, warum er mich geschlagen hatte, doch ich haßte ihn und weinte am Fuß des Bettes, eine Wange brannte ärger als die andere.

„Ich hätte nicht gedacht, daß dieses Mädel so eine wird“, hörte ich ihn eines Abends sagen.

Ich war früher schlafen gegangen als sonst, und die beiden flüsterten am Tisch. In der Stimme des Onkels lag eine seltsame Bitterkeit und Enttäuschung.

„Ich hätte nicht gedacht, daß sie so hinter den Jungs her ist.“

Ich schrak auf, als hätte er mich wieder geschlagen. Mutter antwortete nicht, und ich schloß daraus, daß auch sie denselben Eindruck hatte. Ich spannte die Muskeln an, damit sie sich nicht mehr rührten, die Scham stieg mir ins Gesicht, ein unbegreifliches Schuldgefühl, nur die aufgebrachten Wörter blieben im Hals stecken, und ich hielt sie wie den keuchendem Atem an.

Schläfrig war ich eigentlich immer, ich legte mich ins Bett, konnte jedoch nicht schlafen, ich lag bloß da, den Kopf ins Kissen gedrückt. Was kamen mir doch für schändliche Gedanken ... Mutter und Onkel Ion gingen auf Zehenspitzen vorbei, wenn sie sahen, daß meine Augen geschlossen waren, sie hatten keine Ahnung, ihnen wäre derart schamloses Zeug nie eingefallen, und ich fürchtete, ich könnte im Schlaf zu sprechen beginnen, ich hatte gelesen, daß es so kommt, wenn man etwas vor anderen verheimlichen will. Ich preßte meine kalten Hände an die glühenden Wangen, ein Nachfalter flatterte um den Lüster, immer schneller, es pochte, wenn seine Flügel an die Glühbirne schlugen, und plötzlich fiel er auf das Kissen neben mir. Eines Nachts träumte ich, daß ich Stufe für Stufe die Schultreppe hinunterging, von unten kam mir ein Junge entgegen, ich wußte nicht, ob ich ihn kannte, als er jedoch neben mir war, preßte er seine Wange an meine. Ich erwachte, von einem Glück gewiegt, wie ich es nie gekannt hatte. Das Licht, das durch die farbigen Butzenscheiben der Eingangstür drang, schimmerte blau und rot, ich versuchte das Glück aus dem Schlaf nicht zu vergessen, doch in der immer wärmeren Sonne ging es mir verloren, Stück für Stück.

 

 

 

 

Kapitel    XXlV

 

Das Gesicht, leicht geschwollen, kündete von etlichen überflüssigen Kilos, das altjüngferliche Kostüm war für das Zeitalter des Mini viel zu lang, die Dauerwelle viel zu kraus, dies war Nana, als wir uns zu Beginn des ersten Semesters kennenlernten. Sie erschien älter als zehn Jahre später, als sie durch mich ihren späteren Mann treffen sollte. Den ersten? Den zweiten? Ich werde es nie erfahren.

Eine Zeitlang noch drehte sie in dem Zimmer, das vom Geruch der vielen Leiber, der Niveacreme und der Essensreste erfüllt war, ihre Haare jeden Abend auf Lockenwicklern aus Stoffresten ein, die sie von daheim mitgebracht hatte. Später dann nahm sie stattdessen Papierschnipsel aus alten Kursheften. Wie sehr hatte sie sich aber in der Zwischenzeit verändert! Sie hatte abgenommen, ihre kürzeren Röcke und spitzen Absätze brachten die elegante Linie ihrer Beine zur Geltung, und die stets geschminkten Augen beherrschten das immer kleiner werdende Gesicht.

Nana war für Klatsch und Tratsch kaum zu haben, und wenn man aus dem Zimmer ging, konnte man sicher sein, daß sie nichts Böses über einen sagen würde, aus Aufrichtigkeit? Biederkeit? Phantasielosigkeit? Scheinheiligkeit? Was sie aber für eine Energie entfalten konnte im Zimmer, um diesen pickligen Milchbubi Silviu, den sie wer weiß wo in der Stadt beim Tee aufgegabelt hatte, gegen unsere Vorwürfe zu verteidigen. Ja sogar seine dünkelhaften Eltern, Dreigroschendiplomaten, denen jemand in ihrer Lage kaum noch die Stange halten konnte:

„Nein, Mädels, ich weiß, daß ihr zu mir haltet, aber ihr habt nicht recht, Silvius Eltern sind nicht schuld! Sie haben auf ihre Art recht, für mich ist es zu früh, wenn ich schon im dritten Studienjahr ein Kind krieg’! Und Silviu hat gerade erst die Aufnahmeprüfung bestanden! Vielleicht willigen sie später in eine Heirat ein, wenn ich das jetzt erledige …“

„Am Sankt Nimmerleinstag willigen die ein! Mit der Personalakte Nana im Kreuz kriegt die Familie Buje kein Auslandsmandat mehr! Die fliegen im Bogen aus dem Ministerium! Ich will nur hoffen, daß sie sich nicht eingebildet hat, der Weihnachtsmann bringt ihr, wenn sie dieses Balg kriegt, einen Bukarester Personalausweis mit Wohnsitz auf der Strada Argentina an der Ausfallstraße zum Flughafen!“ lästerte Domnica, wenn Nana nicht im Zimmer war.

 

                                                            *

 

Ob die allwissende Domnica recht hatte? Was mochte in der Personalakte von Nanas Eltern stehen? Und warum hatte sie nicht einmal uns gegenüber die Zähne auseinandergekriegt und uns gesagt, daß sie schwanger war? Sie hatte sich selbst zu helfen versucht, heiß geduscht, Chinin geschluckt und war vom Tisch gesprungen, bis die im Zimmer unter uns sich bei der Verwalterin beklagt hatten. Alles für die Katz, ihre Tage kriegte sie nicht, und als sie im dritten Monat war, holte das Dekret sie ein. Die Zeitungen waren voller Beiträge, gezeichnet von Juristen und Doktoren, die nachwiesen, wie gesund und richtig es sei, vier Kinder zur Welt zu bríngen, und wieder anderen, in denen verbrecherische Ärzte und Hebammen an den Pranger gestellt wurden, die schon illegaler Abtreibungen überführt und verhaftet worden waren.

Hatte Nana vielleicht nur deshalb nicht gesagt, wie weit es mit ihr und Silviu gekommen war, wie ja auch ich meine Beziehung zu Petre vor den Mädels verheimlichte, weil sie, wie Marilena sagte, nicht zu uns gehörten. Wie auch immer, irgendwann sahen wir Nana mit Petre an der Eingangstür turteln, und eines Tages ließ der Pförtner sie rufen, weil unten jemand in einem Dienstwagen auf sie wartete.

Wir kletterten alle aufs Fensterbrett, es fehlte nicht viel, und wir wären hinuntergepurzelt, wir stießen uns gegenseitig an, die arme Nana aber eilte schon die Treppen hinunter, sie konnte uns nicht sehen. Wir waren uns alle im klaren, das da unten mußte die Genossin Buja sein, Silvius Mutter, diese Matrone, die in zyklamenfarbenen spitzen Schuhen mit hohen, unter ihren muskulösen Waden sich biegenden Absätzen einem Mordsautomobil mit dem Kennzeichen MAE entstieg. Sie hatte platinblondes Haar, einen etwas zu kurzen Rock, der über ihren Schenkeln spannte, eine blumige Seidenbluse mit vielen Zyklamtönen und Rüschen, die über einem üppigen Busen flatterten. Im vollen Licht der Sonne glitzerte das Gold an ihren Händen und ihrem Hals bis zu uns herauf, in den vierten Stock.

Obwohl sie alles ausgeliehen hatte, was es in unserem gemeinsamen Kleiderschrank an ansehnlichen Klamotten gab (Marilenas Übergangsmantel, Domnicas grünes Jersey-Kostüm und meine hockhackigen Schuhe), sah Nana an der Seite der Genossin Buja aus wie eine Dienstmagd, die man mit den silbernen Löffeln im Busen erwischt hatte.

„… diese Karikatur von einer Schwiegermutter, nur ein goldener Nasenring fehlt ihr noch“, faßte Marilena zwei Stunde später unser Geläster zusammen.

Nana, die gerade mit dem Handtuch über dem Kopf von der Dusche kam, sah sie an, ohne ein Wort zu sagen, ging schweigend zu ihrem Bett, stellte ihren kleinen Spiegel auf den Nachttisch und begann sich zu kämmen. Erst als sie ihre Haare Strähnchen für Strähnchen auf die Papierschnipsel wickelte, tat sie den Mund auf, wahrscheinlich hatte sie die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie sie uns über denselben fahren sollte:

„Verfluchte Hexen, die ihr seid! Was wollt ihr eigentlich, soll sie den herumlaufen wie ihr, Stroh im Kopf, Stroh auf dem Kopf? Sie muß von berufswegen gut aussehen“, sagte sie mit weicher, ausdrucksloser Stimme.

 

                                                *

 

Solche Sprüche hatte sie immer drauf, bat uns aber zugleich, ihr den Gürtel enger zu schnallen, wenn wir zu den Vorlesungen gingen, damit man ihr Bäuchlein nicht sah, und als keine von uns mehr dazu bereit war, weil wir fürchteten, es könnte schiefgehen, wenn sich das Kleine schon regen sollte, schnallte sie ihn selber.

„Können wir, hast du dein Geschirr umgeschnallt?“ versuchte Marilena zu witzeln.

Das war aber zu dick aufgetragen, niemandem war nach Lachen zumute. Zumindest kotzte sie nicht mehr wie am Anfang und kam irgendwie durch die Prüfungen, gerade so. Sie schlief schlecht, wir hörten, wie sie sich die ganze Nacht herumwälzte und hin und wieder, den Schlafrock über das Nachthemd geworfen, auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schlich und erst eine Stunde später wiederkam. Einmal, als ich, meine eigenen Mühlen im Kopf, selbst nicht einschlafen konnte, ging ich ihr nach. Wir hockten beide mit dem Rücken zum Heizkörper am Ende des Ganges und schwatzten, irgendwann konnte sie nicht mehr an sich halten und heulte los, rückte aber nicht mit der Sprache heraus.

Als wir in die Ferien fuhren, teilte Nana ihre Kleider, in die sie eh nicht mehr paßte, unter uns auf. Nicht für immer, wenn uns etwas gefiel, sollten wir es ruhig tragen, aber keine Flecken hineinmachen. Sie mied unsere Blicke, als sie uns flüsternd mitteilte, Silvius Eltern hätten eine Unterkunft für sie gefunden, sie würde den Sommer über in Bukarest bleiben, sie würden nach der Geburt heiraten und sie würde, komme, was wolle, an die Fakultät zurückkehren. Wir aber sollten alles geheimhalten, denn ihr Stiefvater habe ihr in seiner Heidenangst, zum Gespött des Dorfes zu werden, verboten, mit dem Balg im Arm zu erscheinen, den sie mit einem Rotzlöffel gezeugt habe. Sie würde uns noch anrufen oder Silviu, je nachdem, wie und wann es halt ginge, denn als Untermieter hätten sie kein Telefon, keinesfalls aber sollten wir die Familie Buja belästigen.

Doch wie Domnica es voraussagte, als wir unter uns waren, kam von Nana die ganzen Ferien über kein Zeichen mehr. Sollte Marilena, ihre beste Freundin, sich noch mit ihr getroffen haben, dann alle Achtung, sie ließ sich überhaupt nichts anmerken.

Unter den Professoren schien kein einziger zu wissen, weshalb Nana das Semester erst einen Monat später als wir, im November, antrat. Ich habe auch keine Ahnung, wie sie mit den Hexen im Sekretariat zurechtgekommen ist, jedenfalls stand ihr Name nicht auf den Listen mit denen, die wegen unentschuldigten Fehlens relegiert worden waren, ob da die Genossin Buja die Hand im Spiel hatte? Im Anwesenheitsregister führten wir sie als krank, und wenn jemand nach ihr fragte, beeilte sich Marilena zu sagen, sie sei in einem Lungensanatorium und werde in einem Monat wiederkommen.

Doch den Blicken nach zu urteilen, die hin und her schwirrten, wußte man um ihr Geheimnis.

 

*

 

Zwar stand Nanas Name nicht unter den zum Herbstsemester Relegierten, dafür hing die Liste mit den zwanzig Heimbewohnerinnen, die wegen Prostitution von der Fakultät verwiesen worden waren, so lange am Schwarzen Brett, bis sie vergilbt war. Zwei, drei Wochen bevor sie dort angebracht wurde, erfuhr ich von dem Gerücht über ein Album mit nackten Weibern, unter denen die Gäste einer Tanzveranstaltung in der Stadt wählen konnten. Ich weiß nicht, wer die Sitzung mit Anwesenheitspflicht beim Rektorat, auf der die Relegation beschlossen wurde, nach dem gerade im Kino Scala laufenden Film „Inherit the Wind“ und der rumänischen Übersetzung des Titels „Affen-Prozeß“ genannt hat, der Name jedoch sollte bleiben.

Der „Affen-Prozeß“ fand, glaube ich, im Oktober statt, denn als wir, geblendet vom weichen Licht des Altweibersommers, aus dem Scala traten, sammelte Marilena Geld und kaufte drei weiße, krausblättrige Chrysanthemen. Wir versteckten sie dann in einer Mappe, es wäre zu blöd gewesen, mit Blumen zu einer solchen Sitzung zu erscheinen.

Gegen Abend, als wir es endlich hinter uns hatten, waren die Chrysanthemen genauso schlaff wie wir. Ich warf meine in einen Müllkorb am Boulevard des 6. März, worauf Marilena und Domnica beide auf mir herumhackten:

„Wieso hast du sie weggeschmissen? Wir hätten sie in ein Glas gestellt, und bis morgen wäre sie zu sich gekommen! Was bist du bloß für eine Frau, wenn du keine Blumen magst?!“

Ich gab zurück, ihnen gehe es ja gar nicht um die Blumen, sondern um das Geld, das sie dafür ausgegeben hatten, und sie sollten nur bis zum Samstag warten, da komme sicher irgendeiner mit einem Strauß wie ein Kohlkopf, und der sei dann umsonst. Ich war selbst nicht so sicher, daß ich recht hatte, aber die Anspannung aus der Sitzung ließ nicht nach, und ich hatte niemanden, an dem ich mich abreagieren konnte.

So lachte ich bis zum Wohnheim stumpfsinnig vor mich hin, ich war froh, daß wir aus jenem Sitzungssaal beim Rektorat freigekommen waren, den ich mit klammem Herzen betreten hatte. Obwohl keine von uns auch nur im entferntesten etwas mit dem „Affen-Prozeß“ zu tun hatte, zerrte an Marilena, wir sollten uns möglichst weit nach hinten setzen. Ich hatte gehört, daß die Sitzungen, die hier stattfanden, sich alsbald gegen einen jeden richten konnten, wenn er auf den Gedanken kam, irgendjemandem beizuspringen. In den Jahren davor waren hier jene verurteilt worden, die ihre Biographie gefälscht hatten, indem sie nach der Aufnahmeprüfung beim Ausfüllen der Kaderakte verheimlichten, daß ihre Väter im Gefängnis oder im Hausarrest saßen, als Unternehmer oder Großbauern enteignet worden waren, daß sie Verwandte im Ausland hatten oder ähnliches mehr.

Den Geschmack der Angst, der mir die ganze Sitzung über als Speichel den Mund zum Überlaufen brachte, weil ich ihn wegen der Knoten im Hals nicht hinunterschlucken konnte, ihn kannte ich von daheim, von klein auf.

 

*

 

Zwar sollte der „Affen-Prozeß“ aussehen wie eine der Sitzungen zur Enttarnung der Feinde, die sich in unsere Reihen eingeschlichen hatten, er begann jedoch mit einem langen und langweiligen Bericht, den Bucur holprig verlas und in dem die verkommenen, bestechlichen  Elemente mit kleinbürgerlichen Mentalitäten und Neigungen angeprangert wurden. Es folgten vorgefertigte Wortmeldungen, die noch langweiliger waren, weil sie den Bericht Wort für Wort wiederholten. Eine von denen, die das Wort ergriffen, war natürlich auch unsere Domnica.

Im Saal gab es keine Angeklagte, die mit tränengeröteten Augen aufgestanden wäre, um Selbstkritik zu üben. Die zwanzig „Äffinnen“ aus dem Wohnheim, die für Geld gevögelt haben sollten, wurden in Abwesenheit verurteilt. Sie waren schon von ihren Eltern nach Hause geholt worden und in der hintersten Provinz verschwunden, woher sie gekommen waren, oder mochten, so das schlimme Gerücht, in irgendeinem Frauengefängnis sitzen.

Auch nach sechs Stunden wußten wir nichts Neues über jenes Luxusbordell, das unter dem Vorwand von Samstagabendpartys funktioniert haben sollte und von dem seit etwa einem Monat im Wohnheim gemunkelt wurde.

 

                                                            *

 

Als wir aus dem Amphitheater hinausdrängelten, nahm mich Domnica zur Seite, um mir, nur mir, zuzuraunen:

„Da hat die Nana aber Schwein gehabt, daß die Bujas sie von der Liste gestrichen haben! Was glotzt du so? Was meinst du denn, wo sonst hätte sich eine wie die Nana eine solche wohlversorgte Lusche wie den Silviu angeln sollen?“

Da ich sie weiter entgeistert anstarrte, machte sie eine wegwerfende Handbewegung, die besagte: Da hab ich mir aber gerade die Richtige zum Reden ausgesucht! Und weil Marilna näherkam, flüsterte sie mir zu:

„Die Nana hat uns gegenüber auf vornehm gemacht, dabei ist sie eine echte Hure!“

Wenn sie es gesagt hatte, damit ich es weitersagte, hatte sie sich die Falsche ausgesucht, denn das tat ich gerade nicht, auch wenn ich mich ein Leben lang an ihre Einflüsterung erinnern sollte. Ich schwieg, einmal Nana zuliebe, aber auch, weil ich Domnica mißtraute, Klassenhaß halt, was will man tun! Gleich im ersten Semester, als wir uns noch gar nicht kannten, wurde Domnica ins Büro des Verbandes der Kommunistischen Jugend gewählt, dabei waren die Vorschläge von langer Hand vorbereitet. Und als ich dann, nachdem Vater sich endlich entschlossen hatte, zu Mutter zurückzukehren, zur Kaderabteilung bestellt wurde, wurde mir klar, daß Domnica nicht nur mit meiner Kaderakte vertraut war, sondern auch über meine Familie bestens Bescheid wußte, über die ich, von klein auf getrimmt, im Zimmer kein Sterbenswörtchen gesagt hatte.

Nana hielt ich die Stange vielleicht auch, weil das meinem Autismus entsprach, der sich andern gegenüber nicht immer nur als Gleichgültigkeit äußert, sondern auch, wie ich mir sage, wenn ich nicht allzu streng mit mir bin, als Zartgefühl.

Nana erschien nach den Frühjahrsferien, dünn wie ein Strich und mit blaugeränderten Augen, sie trug denselben Namen, aber auch einen Ehering am Finger. Sie war zurückhaltender als früher, schluckte Beruhigungs- und Schlafmittel und ging eine Zeitlang am Samstagabend nicht tanzen. Silviu war bei seinen Eltern, die an unserer Botschaft im Irak dienten, und studierte dort im dritten Semester an der Fakultät für Öl- und Gasförderung. Das Kind, sagte uns Nana, war bei einer seiner Kusinen in Alexandria geblieben, die es adoptieren wollte, allerdings unter der Bedingung, daß Nana es nie mehr besuchen durfte, damit der Kleine nicht leiden müsse.

„Quatsch“, sagte Domnica einmal, als nur Marilena und ich im Zimmer waren, „das Kind hat sie gleich aus der Geburtsklinik ins Waisenhaus gegeben, sie hat damals schon alle Papiere unterzeichnet, und ab dafür! Der Ehering hat weder Datum noch Namen, und wenn Nana einen Brief von Silviu kriegt, wirft sie ihn in ihr Nachtkästchen, und wenn sie dann allein ist, reißt sie ihn in kleine Stücke und schmeißt ihn  ins Klo, sie wird es irgendwann verstopfen!“

„Zum Glück hast ja du deine Nase überall drin!“ lächelte Marilena schmallippig.

 

                                                *

 

„Wer ist die Letitia Branea … Da wartet jemand unten …“

Ich schreckte auf in meinem Bett, wo ich mit halb geschlossenen Augen, das offene Heft auf den Knien, vor mich hin dämmerte. Und ich dachte zuerst, es könnte Petru sein, wie ich es immer dachte, wenn mich jemand suchte, obwohl schon zwei Wochen vergangen waren, seit wir vom Meer zurückgekehrt waren und er meinen Koffer auf dem Gehsteig hatte liegenlassen.

„Wie schaut er aus?“ kreischte Didi mit vollem Mund.

Sie saß allein am Tisch und aß, tief über die Pappschachtel mit Würsten und Speck gebeugt, in der einst die neuen Schuhe verpackt gewesen waren.

„Ein hochgewachsener Mann, kommt mir bekannt vor“, gab jene, die mich gerufen hatte, durch die geschlossene Tür zurück.

Ich warf den Schlafrock ab und begann mich anzuziehn, wobei ich plötzlich vor Kälte zitterte. Dann hielt ich es nicht mehr aus, riß unter den verblüfften Blicken der Mädels die Tür auf, lief barfuß über den Korridor und riß das Fenster zum nebelverhangenen Hof auf. Ich sah ihn nicht gleich, obwohl ich ihn hätte sehen müssen, denn als einziger stand er mitten in der Allee und lehnte nicht wie die andern seitlich der Treppe an der Wand. Ich ahnte die krampfige Gleichgültigkeit seines Gesichts, obwohl ich nur seine Umrisse ausmachen konnte, mit tief in den Taschen vergrabenen Händen. Ich stand am Fenster und sah zu ihm hinunter, ich konnte es kaum glauben und mußte an mich halten, ihm etwas zuzurufen, denn ich fürchtete, er würde es sich plötzlich anders überlegen und verschwinden, bevor ich unten war. Er aber mußte auf mich warten, genau so, wie ich weiter schweigen mußte.

Er begann auf und ab zu schlendern, er kam bis zu der um diese Uhrzeit verschlossenen Tür der Kantine und spähte zwischen den bläulichen Rolläden hindurch, um seine Ungeduld mit vorgeblicher Neugier zu kaschieren. Wie einfach das doch war, was ich mir nicht hatte vorstellen können, wie einfach es doch war, daß er auf mich wartete, noch kam mir das alles nicht zu glauben, noch verstand ich es nicht. Der Triumph weckte eine merkwürdig warme Wehmut in mir, eine traurige Freude.

„Petru Arcan“, sagte ich zu den Mädels, wandte mich dabei aber nicht ihnen zu, sondern kämmte mich hastig vor dem Spiegel auf dem Tisch.

Ich spürte die Verblüffung in ihrem Schweigen, gab aber nicht k

 

About this issue

This July, The Observer Translation Project leaves its usual format to present a special CRISIS ISSUE. Things are tough all over. Hard Times suddenly feels like the book of the moment. The global economic crisis impacts life as we know it, and viewed from Bucharest the effects reverberate in domains that include geo-politics and publishing in Romania and abroad, with the crisis at The Observer Translation Project as an instance of a universal phenomenon. read more...

Translator's Choice

Author: Vasile Ernu
Translated by: Monika Oslaj

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