Tănase übersetzen: Corpuri de iluminat / Leuchtkörper

Stelian Tănase | September 30, 2008
Critic: Jean Harris
Translated by: Laura Balomiri

 

Jedes Mal, wenn ich einen rumänischen Text übersetze, wird mir klar, dass ich Kultur übersetze. Dies gilt für alle Übersetzer. Ein Text auf Französisch (oder Aramäisch oder Chinesisch) ist an ein kulturelles Umfeld gebunden, und wenn die Alchemie und Logistik der Übersetzung stimmen, so scheint auch im amerikanischen Englisch eine gewisse Essenz des Französischen durch - so hofft es zumindest der Übersetzer.[1] Im Falle der rumänischen Literatur ist die Situation besonders kritisch. Im weitesten, am wenigsten literaturspezifischen Sinn ist die rumänische Kultur in den Vereinigten Staaten bekanntlich terra incognita. Daher steht der Übersetzer vor der doppelten Herausforderung, einerseits verschiedenste (im Text inhärente) kulturelle Aspekte zu übermitteln und andererseits im Amerikanischen die Erschließung des idealen Lesers anzustreben - was in etwa dem Versuch gleichkommt, perfekte Adoptiveltern für ein Kind herbeizuzaubern, das in weiter Entfernung geboren wurde und dessen Akkulturation im dortigen kulturellen Kontext erfolgte.

            Auf den Punkt gebracht: Ein Roman sollte sich uns ohne weiteren Erklärungsbedarf einflüstern. Auf den Kontrapunkt gebracht: Es stimmt genauso, dass Amerikaner beim Lesen britischer und amerikanischer Literatur ein ganzes Arsenal an Büchern, Kultur und Geschichte mitbringen. Beides einleuchtende Argumente. Es kann gut sein, dass der magische Realismus Lateinamerikas den amerikanischen Leser “verwöhnt” hat. Bei Dostojewski jedoch können wir der Fußnoten nicht genug haben. Fürsorglich und altmodisch, wie ich in solchen Angelegenheiten bin, denke ich, dass es dennoch einige Dinge gibt, die ein potentieller Leser rumänischer Literatur gerne wüsste.

            Kurz und bündig: Rumänen sind im Sozialleben offen und freundlich. Man kann innerhalb von fünf Minuten alles über jemanden erfahren, und entsprechend werden vom Gegenüber Alltagsbeichten erwartet. Das Geschichtenerzählen ist ein wichtiges Charakteristikum des Soziallebens, und das gilt für den Parlamentsabgeordneten genauso wie für den Taxifahrer oder Bauern. Wenn man als Ausländer nach Rumänien kommt, ist es sofort augenfällig: es gibt in Rumänien eine deutliche Tendenz, sich selbst zu thematisieren und seine Zugehörigkeit zu signalisieren, (mit Herkunftsangaben bis hin zu den Großeltern und noch weiter zurück). Zu dieser Vorliebe kommt die Tendenz zur weitschweifig verbalisierten Erinnerung hinzu. Die typische rumänische Party ist keineswegs ein Sozialabenteuer. Man kennt die Verwandtschaft und die Probleme des anderen. Sehr schnell organisiert man sich als Gruppe innerhalb des Ganzen. Es bräuchte eine ganze völkerkundliche Abhandlung, um dies zu erklären. Die Geschichte spielt dabei eine Rolle, und all das ist hier erwähnenswert, weil das, was die Sitten belebt, in gleichem Maße auch die Prosa belebt. Fazit: Rumänien ist Weltmeister im Geschichtenerzählen.

             Der Roman (sowie seine Vorläufer bis hin zu Homer) beschäftigt sich mit der positiven oder negativen Entwicklung eines Individuums in einer sich verändernden Gesellschaft. Unter anderem lesen wir auch deshalb, weil wir herausfinden wollen, wie das Individuum mit dem sozialen Netz verwoben ist. Das sozial bedeutsame Ereignis trägt dazu bei, die Narration über Kitsch oder Klatsch hinauszuheben. Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass die Blütezeit des britischen Romans zeitlich mit der Zerstörung der Werte der Agrargesellschaft und der Herausbildung einer neuen Schicht von Großindustriellen und der Arbeiterklasse zusammenfällt. Dickens und Trollope sind zwei Seiten einer Medaille, und deren Thema ist der Fortschritt eines Individuums in einer Gesellschaft, die in einem immer schnelleren Umbruch begriffen ist. Beschleunigt man diese soziale Umwälzung über das Menschenverträgliche hinaus, erfolgt zwangsläufig eine postmoderne Fragmentierung. Nur ist Rumänien nicht Großbritannien, und der Mechanismus der sozialen Veränderungen hat hier nach balkanischem Muster funktioniert.

            Rumänien ist Weltmeister im Geschichtenerzählen, weil es Weltmeister der Regimewechsel ist. Der Spaß beginnt, als die Römer die Daker besiegten. Bis ins Mittelalter verteilten sich die Rumänen dann auf drei Königreiche - Siebenbürgen, Moldau und Walachei. Jedes dieser Fürstentümer stand Kontrahenten von imperialem Ausmaß gegenüber: nämlich westlich Österreich-Ungarn, östlich den Russen und südlich den Türken. Die rumänische Geschichte ist so gesehen die Geschichte des Entrinnens vor der Überwältigung durch fremde Imperien. Es ist ebenso die Geschichte rumänischer Fürsten, die sich für jeden greifbaren Machtanteil gegenseitig niedermetzelten. Wir haben es hier mit einer Geschichte des Wechsels zwischen Einbüßen und Erobern von neuen Territorien zu tun. Es ist eine Geschichte kultureller Bewahrung und letztendlicher Vereinigung.

            Hier einige historische Daten: durch einen Trick gehen die Walachei und die Moldau 1856 eine Union ein sie wählen beide denselben Fürsten. 1877 gewinnt König Carol den Unabhängigkeitskrieg gegen die Türken. 1877 bis 1914 folgen einige Jahrzehnte der Konsolidierung und Rumänien wird zu einem modernen Staat. Es verzeichnet Fortschritte in der Industrie, in der Landwirtschaft, im Bildungsbereich sowie eine Blütezeit der rumänischen Literatur. Das Ende des Ersten Weltkrieges bringt die Vereinigung Siebenbürgens mit den anderen rumänischen Provinzen. Rumänien macht zwar riesige wirtschaftliche und kulturelle Fortschritte, der Aufschwung des europäischen Faschismus wirft jedoch dunkle Schatten über das Land. Im August 1939 gerät Bessarabien infolge des Molotow-Ribbentrop-Paktes unter sowjetischen Einfluss. Am 30. August 1940 schreibt das Wiener Diktat Ungarn einen großen Teil Siebenbürgens zu. Als Opfer der Großmächte büßt Rumänien ein Drittel seines Gebiets ein. 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus. Von den Alliierten preisgegeben, kämpft Rumänien auf deutscher Seite, bis 1944 eine Eroberungsarmee das Land gegen Deutschland stellt. 1945 hatten russische Truppen Rumänien besetzt und blieben bis 1958. Am 31. Dezember 1947 wird König Mihai zur Abdankung gezwungen. Ab diesem Zeitpunkt beginnt für Rumänien das finstere Zeitalter des Stalinismus, das das Land enthauptet. In allen Bereichen wird die Führung ausgeschaltet: die “Eliten” verkommen. Der Terror setzt sich bis 1965 fort. Der Tod Gheorghe Gheorghiu-Dejs bereitet Nicolae Ceauşescu den Weg. Ceauşescu leitet eine Phase der Entspannung ein, die jedoch nur sechs Jahre anhält. 1971 besucht Ceauşescu China und ist vom asiatischen Totalitarismus tief beeindruckt. Seine Produktions- und Bebauungspläne bewirken die Verstümmelung der rumänischen Städte, den wirtschaftlichen Kollaps in den 80er Jahren und die Aufzwingung eines Personenkults nordkoreanischer Prägung. 22. Dezember 1989: die Rumänen lösen die einzige blutige Revolution in Osteuropa aus.

            Zu den übergreifenden Auswirkungen auf die Kultur gehören:

   ein jahrhundertelanger Kampf um die Behauptung des Christentums - und Europas - gegen den vom Osten her drohenden Islam,

   eine Untergrundexistenz, erstens gegenüber imperialen Mächten und zweitens gegenüber Diktatoren,

   ein Gefühl der Gefangenschaft, das zur verallgemeinerten Annahme führt, dass Rettung aus dem Jenseits kommt und nur dort erfahren werden kann - oder vermutlich nur in einer Parallelwelt, wie im Falle der Surrealisten,

   massive Bemühungen, die nationale Identität zu bewahren, einschließlich der Stärkung der rumänischen Latinität und der Sprache. Dabei war man bestrebt, mitten in einer slawischen Sprachinsel die Verwandtschaft des Rumänischen als romanischer Sprache mit dem Soldatenlatein so weit wie möglich beizubehalten,

   die Behauptung des “Rumänischtums” durch die Schaffung einer höchst bildhaften Sprache von spektakulärer idiomatischer Dichte, die, wie ich glaube, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Kultur erzeugt, etwa in der Art, wie Slang eine Gruppenzugehörigkeit sichert.[2]

All diese Behauptungen bedürfen ganzer Essays als Argumentation, was hier jedoch den zeitlichen und räumlichen Rahmen sprengen würde.

            Langfristig betrachtet zählt die Feststellung, dass das rumänische Problem immer schon war, “wie man es schafft, zu überleben”. Oft genug war es “wie man es schafft, nicht zu sterben”. Und oft war es auch “wie man stirbt” - wie man eine geistige Haltung findet, durch die man sich den Tod zum Freund macht. In diesem Kontext ist das Geschichtenerzählen auf mehreren Ebenen mit einer Erlösung gleichzusetzen. Erstens existiert das Geschichtenerzählen als ein Mittel zur Bewahrung der kollektiven Identität durch die Umwandlung in “Volkskunst” oder “hohe Kunst” sowie durch alltägliche, fast unbewusste Weitervermittlung.[3] Zweitens ist die Rolle des Geschichtenerzählens hier, wie anderswo auch, die eigene individuelle Existenz zu behaupten. In Rumänien gewinnt das Erzählen jedoch an Intensität. Worte entweichen, irgendwie. Mit maximaler Intensität. Unter fürchterlichem Druck. Die Literatur und das Leben bieten dafür endlose Beispiele. Das Wesentliche ist: ich erzähle, also bin ich. Drittens kann sich das Geschichtenerzählen im rumänischen Bewusstsein als “einziger Ausweg” konkretisieren. Als einziger Ausweg, nicht im Sinne Scheherezades, sondern im Sinne des Auswegs aus einer Falle. Das Ur-Beispiel dafür: in der Ballade “Mioriţa”, die in der rumänischen Kultur, in Volkskunst und Schrifttum als heilig gilt, konstruiert ein Schäfer, als er erfährt, dass sein Tod bevorsteht, eine schöne Lüge (eine “wahre” Lüge), eine Geschichte über seine kosmische Hochzeit, um den Seelenschmerz der Überlebenden zu minimieren.[4]

            Alles schön und gut. Bei Tănase erlebe ich so etwas wie ein bezauberndes Schwindelgefühl, eine taumelige Ahnung, dass das Ganze durch die Schneidemaschine gegangen ist - Fleischwolf, Küchenmaschine, Filmmontage-Tisch - “alles zusammen” im zeitlichen und räumlichen Dis-Kontinuum dieses Landes. In Leuchtkörper übersetzt Tănase kulturelle und literarische Elemente in eine subjektive Zone der Improvisation.

            Dafür gibt es Gründe. Tănase wurde in Bukarest geboren, hat während des Studiums geheiratet, schloss sein Studium 1977 ab, unterrichtete für ein Jahr nach dem Abschluss an Provinzgymnasien und stand am Ende des Schuljahres ohne Arbeitsplatz da. “Das Problem war die liberale Literatur, die wir an der Universität entdeckt hatten. Ich äußerte mich meinen Freunden gegenüber ziemlich frei. Ich wollte eine Geschichte des Stalinismus schreiben, und ich glaube, die Securitate bekam davon Wind. Sie stellten mich unter Beobachtung. Mein Telefon wurde die ganze Zeit abgehört, zumindest zwischen 1983 und 1989. Es gab allerhand Zwischenfälle.”[5] Marginalisiert und in Ermangelung einer “Akte”, die es ihm ermöglicht hätte, einen Arbeitsplatz zu finden, überlebte er als Jazz-Impresario in der Bukarester Untergrundszene und brachte es dank der Verfolgung durch die Geheimpolizei zu einer dicken Securitate-Akte. Es gelang ihm, 1982 einen ersten Roman, Luxul melancoliei (Der Luxus der Melancholie), zu veröffentlichen, sowohl Leuchtkörper als auch den darauf folgenden Roman verboten die Zensoren jedoch. Alles in allem war es eine Zeit des Lebens von der Hand in den Mund, von einem Monat zum anderen. Auch die literarische Ehre kam mit ins Spiel: “Ich wollte nicht nachgeben, umschreiben, wegschneiden, wie dies eben Gang und Gäbe war. Ich konnte keine Kompromisse schließen und zögerte das Ganze immer wieder hinaus, in der Hoffnung, dass sich etwas ändern würde. Eine Liberalisierung setzte aber nie ein. Es kam übergangslos die Revolution, die mich mit zwei unveröffentlichten Büchern überraschte”.[6] Keine Biographie kann über die Kunst Aufschluss geben. Dennoch ist die Kunst eine Übersetzung des Lebensumfelds, und in diesem Fall ist sie eine direkte Übersetzung gelebter Kultur.

            Zum Beispiel: Sandu ist der Protagonist des Romans Leuchtkörper. Jazzmusiker, Pianist, ehemaliger Rocker. Der Typ hat einen schlimmen Blues-Anfall. Auch gibt es eine besagte junge Dame. Pia: intelligentes Mädchen, neurotisch, hübsch, Bukarester Sirene, Madame Bovary und Femme fatale. Sie hat Sommersprossen, sie trägt Brille. Der Roman windet sich spiralförmig hoch und fließt dann in einem Punkt zusammen. Die lineare Handlung ist nicht das Wesen des Spiels. Im Gegenteil. Die Blues-artige Struktur bietet Rückspiele. Außerdem schreibt Tănase so, wie sein Protagonist den Blues spielt:

Solange er nicht improvisierte, solange er fest an seinem Blues-Thema haftete und es wiederholte, damit es sich obsessiv ins Gehör einprägte, konnte man ihn sehen, konkret, die Finger wie verhungernde Fledermäuse im rasanten Flug über der Klaviatur, hier ein Moll, dort eine Septime schlagend, wie einen Schrei. Sobald er sich aber ein wenig vorbeugte und anfing, die überkreuzten Saiten zu betrachten, fasziniert von der Anordnung der Akkorde in den Hämmerchen, die sich der Reihe nach erhoben, wusste Pia, dass er sich losgelöst hatte und sie nichts mehr verstehen konnte. Eine Art bitteres Wunder umhüllte ihn, und sie fühlte sich allein, als hätte Sandu sie verlassen, und das machte ihr große Angst.

Dies ist ein Roman, in dem lautliche Eindrücke neben Improvisationen und dem Ränkespiel der überkreuzten Drähte eine Bedeutung haben.

            Zwischen den Improvisationen der Sprach-, Handlungs- und Verhaltensebene situiert, ist Leuchtkörper dennoch ein Roman über rumänische Geschichten. In einer Informanten-Kultur läuft die Aufforderung, persönliche Geschichten zu erzählen, auf die Aufstockung der persönlichen Securitate-Akte hinaus. Eine typische Situation: Sandu verlässt seine Wohnung: “Im Stiegenhaus trifft er Frau Elvira, die im dritten Stock wohnt, dick, geschminkt, bleichblond, sie kommt keuchend herangestiegen.” Er erwähnt, dass er in ein Konzert geht, worauf Elvira ihn ausfragt:

Und was für ein Konzert, bitte, wenn ich nicht indiskret bin? Ich hab kein Plakat gesehn, im Radio keine Ansage. Du gibst einen Klavierabend? Ah, ja, du spielst Jazz, hat mir Herr Făinuş erzählt. Sie erkundigte sich, wie du über die Runden kommst, wovon du lebst, ob du Besuch bekommst, wann du gehst, wann du kommst.

Das gesamte Gespräch ist mit Geschichten über das Liebesleben der Frau Elvira und der eindringlichen Einladung zum Abendessen übersät.

            Das ganz einfache Gespräch - die Erarbeitung einer Geschäftsstrategie - löst sich explosionsartig in Palaver auf, einschließlich der regimekritischen ironischen Schieflage:

Ähhhm, lasst uns also unser Geheimtreffen beginnen, denn heute ist ein glückverheißender Tag, meine Herren, ich habe große Pläne, wir werden durch die Städte ziehen, wir werden die Mauern mit Plakaten bedecken, wir werden die Massen in den Stadien versammeln, wir werden Geld verdienen, denn, meine Herren, Geld regiert die Welt. Wir bieten unsere supertolle Ware an - ein paar Augenblicke der Selbstvergessenheit für die ehrenwerten Kartenzahler. Überall, wo es graue Existenzen gibt, gibt es auch Geld für billige Freuden und Inszenierungen, die sich der einfache Bürger leisten kann, den wir so lieben und dem wir Talent, Hingabe, Energie, Ideale opfern, zu dessen Füßen wir niederknien, um ihn um Verzeihung zu bitten, mit zu Boden geneigtem Haupt. Wir werden ihm dienen, bis Gott unser Konto schließt und uns in die Gefilde der Seligen holt. Ich glaube, in Ihnen Gleichgesinnte gefunden zu haben. Ich möchte hier, im Anblick dieser raffinierten Instrumente, kundtun, dass wir niemals vergessen werden, dass es unsere Berufung ist, einen Lichtstrahl zwischen die abgehärteten Hände der Arbeiter, Stenotypistinnen, Soldaten zu zaubern... einverstanden, meine jungen Freunde, ich bin überzeugt, dass wir uns einigen werden und uns eine brüderliche Empfindung verbinden wird. Nun gut, nach dieser Einleitung, lasst uns zum Geschäft kommen.

Noch gravierender wird es, wenn, in diabolische Hände geraten und zur Gefangennahme missbraucht, das Geschichtenerzählen zum Lügenerzählen wird. Wir bewegen uns auf neuem Terrain. Das Geschichtenerzählen ist zu einem Mittel der Entzweiung von Menschen und Auflösung von Kultur geworden.

            Allein die Deklassierten haben Zugang zum Geschichtenerzählen als einem Mittel des Nicht-Aufgebens:

Einer zieht eine Flasche Wodka aus der Innentasche seiner Jacke hervor und gibt sie an Ovi weiter, Ovi an Lefter, dann Sandu, Relu, Felix taucht auf, gib ma’ auch ‘nen Schluck. Die Nacht bricht im Probesaal über sie herein, feurig schmieden sie Pläne, erinnern sich an alte Shows, an die Schwierigkeiten mit den Geräten, die ausgerechnet beim Stimmaufwärmen ausfallen mussten, mit unscheinbaren Lokalbossen, mit unverkauften Karten. Mit Klatsch aus ihrer Welt. Musiker, Impresarios, Balletttänzerinnen, Theaterdirektoren, Fans, Fahrer, Gepäckträger und alle anderen, eine ganze Welt mit ihren Gesetzen und Gestalten ... Die Nachricht über die Abreise, über die Proben, über die Auftritte begeisterte sie, machte sie plötzlich redselig, sie hatten kein Zuhause mehr. Es war Nacht geworden, und sie hingen immer noch rum, mit dem Tonbandgerät, das in gedämpfter Lautstärke den Blues ausspeit, oder Rock, zwischen kleinen, magisch blinkenden Lichtern im Mischpult ... Sie kannten sich gut, sie hatten dieselben Gewohnheiten, dieselben Manien, denselben Geschmack. Sie waren allein, dieses Geschäft war ihnen missglückt, man hatte sie aus den Büros verscheucht. Es war ein lebenslanges Provisorium. Sie führten nicht wie andere ein durchschnittliches Leben, im Gegenteil, es geschah immer irgendetwas. Der morgige Tag war nicht gesichert, und das machte sie so ungehalten, so hochmütig.”

Die Romangestalten sitzen politisch und metaphysisch in der Falle. Dies ist die Bedeutung des übersetzten Kapitels, das diesem Essay beigefügt ist. Anders ausgedrückt: “man weiß nie, was einem geschieht, oder ob die geduldigen Götter nicht irgendwie auf uns herabblicken und wir nicht zur Verdammnis ausgewiesen sind”. Der mioritische Traum vom gütigen Kosmos ist verschwunden. Wir stolpern durch ein gnostisches Universum, Marionetten eines blinden Gottes. So ist das zentrale dramatische Moment des zweiten Kapitels jenes, in dem Sandu und Pia im typischen rumänischen Zufluchtsort unterkommen: das alternative Universum der schönen Geschichte. Es funktioniert nicht. Es reicht nicht aus. Das ist ihre Tragödie.

            Also gut. Leuchtkörper ist tiefstimmiger rumänischer Blues. Aber der Roman ist mehr als das. Er ist international. Er ist Joyce’schen Odems. Er ist originell. Apropos Joyce: als ein Werk des Inneren, das (im Exil und daher) von außen geschrieben ist, erfüllt Joyces Ulysses Stephen Dedalus’ größten Wunsch: auszubrechen, um “das ungeschaffene Gewissen meines Volkes zu schmieden”. Gegenüber Ulysses macht Leuchtkörper eine Kehrtwendung und führt die Übung auf balkanische Art aus. Bei Tănase haben wir es mit so etwas wie einem inneren Exil zu tun - mit dem Blick von außen aus der inneren Perspektive - und jenem “bitteren Wunder”, das jenseits der Interpretation in den Bereich der Offenbarung hervortritt. Die Auflehnung gegen die Securitate gehört durchaus zum Bereich des “Schmiedens eines Gewissens” - aber an dieser Stelle verabschieden wir uns von der Politik und von der “Zeitlosigkeit” als Schutthalde der Zeit. Wir befinden uns hier nicht mehr in einer Geschichte, sondern in etwas anderem. “Der Roman, der uns interessiert”, schreibt Julio Cortázar, “ist nicht jener, der Gestalten in eine Situation hineinversetzt, sondern eher jener, der Situationen in die Gestalten hineinversetzt. Dadurch hören Letztere auf, Gestalten zu sein und werden zu Personen. Es gibt eine Art Fortschreibung, durch die sie uns entgegenspringen, oder wir ihnen. Kafkas K. trägt denselben Namen wie sein Leser und umgekehrt”.[7] Jenseits der Fiktion treten wir ins Leben ein. Anders formuliert kann man behaupten, dass die Fiktion expandiert: die Falle eines jeden ist unser aller Falle. Vielen Dank, Madame Bovary.



* Das Maskulinum “Übersetzer” steht im gesamten Text generisch für beide grammatikalischen Genera und schließt beide natürlichen Geschlechter ein. (Anm. d. Übers.)

[2] Diese Hypothese, der man endlos nachgehen könnte, ist, dass die rumänische Sprache nicht nur durch ihre Isolation, sondern auch von dem Bedürfnis der Gruppenkohärenz bestimmt ist, die großen Bereichen ihres linguistischen Raumes eine gewisse Süße und einen häuslichen, familiären Charakter verleiht.

[3] Zum Beispiel: während die russischen Panzer durchs Land fuhren, in einer Zeit, als die Unterdrückung des Nationalgefühls durch die visuelle De-Latinisierung des rumänischen Alphabets angestrebt wurde, spielten die Kinder in Piteşti, der Stadt, in der mein Ehemann aufwuchs, und in deren Nähe sich ein berüchtigtes stalinistisches “Umerziehungslager” befand, das Spiel “Daker und Römer” - Cowboys und Indianer - auf der Straße, ganz selbstverständlich und ohne, dass ihnen jemand deswegen einen Vorwurf gemacht hätte. Es ist so offensichtlich, dass jeder Idiot hätte draufkommen können: das inszenierte Geschichtenerzählen wiederholte die Gründungsgeschichte der rumänischen Identität als Vermengung zweier Völker in einer Region, in der Imperien im Kampf um strategische Positionen und natürliche Ressourcen aufeinanderprallten.

[4] Die Ballade, die als Dialog mit einem sprechenden Lamm gestaltet ist, ist besonders schön und keineswegs witzig gemeint. Ein Auszug in der Fassung von Vasile Alecsandri und der Übersetzung von Alfred Margul-Sperber sei hier als Leseprobe eingefügt: “Wenn dann der Windhauch geht/und durch die Flöte weht, /drängen die Schafe sich,/weinen sie bitterlich/Tränen aus Blut um mich!/Aber vom Mord/sag du kein Wort!/Sag ihnen frei:/daß ich vermählet sei/mit einer Fürstin traut,/mit einer Himmelsbraut;/als es die Hochzeit gab,/fiel hell ein Stern herab;/Sonne und Mondenglanz/hielten den Hochzeitskranz;/Espe war, Tanne war/unter der Gästeschar;/Berge die Priester war’n,/Spielleut die Vogelschar’n/-mochten wohl tausend sein-,/Sterne: der Fackelschein./Aber erblickst du hier,/oder begegnet dir/mein altes Mütterlein,/Gürtel aus Wolle rein,/weinend und klagend,/irrend im Feld allein,/alle befragend/und allen sagend:/”Sagt mir, wer weiß um ihn,/sagt mir, wer sah ihn ziehn,/ihn, meinen Schäferheld,/schlank, durch den Ring gestrählt?/Sein liebes Angesicht/ist wie der Milchschaum licht;/sein lieber Bart ist weich,/Ähren des Weizens gleich;/den Rabenfedern gar/gleich glänzt sein liebes Haar;/der lieben Augen Glanz/gleicht reifen Brombeern ganz!”/Lämmchen, dem Mütterlein,/sollst du der Tröster sein:/sag ihm getreu,/daß ich vermählet sei/mit einer stolzen Frau/in einer Himmelsau./Aber dem Mütterlein/sag nicht, o Lämmchen mein,/als es die Hochzeit gab,/fiel hell ein Stern herab;/Espe war, Tanne war/unter der Gästeschar;/Berge die Priester war’n,/Spielleut die Vogelschar’n/-mochten wohl tausend sein -/Sterne: der Fackelschein...”. (S. Die Schönsten Gedichte aus Rumänien, von Mioritza bis zur Gegenwart. Lyrikanthologie. Hrsg. von Matei Albastru (Bukarest: Romania Press, 2003), S. 14-15.

[5] Stelian Tănase: Ich bin ein freier Mensch. Interview mit Rodica Nicolae. In: Cariere/Karrieren. 28. August 2003. www.cariereonline.ro

[6] Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass der Lebenslauf von Stelian Tănase ihn als Essayist, Drehbuchautor und Historiker, als Minister, Professor der Politikwissenschaft, Woodrow Wilson-Stipendiat und Talk-Show-Moderator beschreibt.

[7] Julio Cortázar: Hopscotch. Englische Übersetzung: Gregory Rabassa, Random House 1967.

 

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Translated by: Monika Oslaj

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